Was meinst du eigentlich, wenn du „Realwirtschaft“ sagst?
Dieser Text ist eine Co-Produktion von Jonas Drechsel und Claude. Die Recherche, Strukturierung und argumentative Ausarbeitung entstanden im Dialog zwischen menschlicher Zukunftsforschungs-Expertise und KI-gestützter Textproduktion.
Im September 2008 hörte ein Sprachkritiker der Deutschen Akademie zum ersten Mal bewusst das Wort „Realwirtschaft“. Die Finanzkrise drohte auf die Realwirtschaft überzugreifen, hieß es. Er glaubte zunächst an Satire. Die Implikation war ihm unheimlich: Wenn es eine Realwirtschaft gibt, dann ist die Finanzwirtschaft offenbar nicht real. Aber was ist sie dann – irreal? Virtuell? Eingebildet? Die Frage führt tiefer als die meisten Ökonom*innen zugeben möchten.
Die antike Urszene
Aristoteles unterschied im 4. Jahrhundert v. Chr. zwei Formen wirtschaftlichen Handelns. Die Oikonomia – Haushaltsführung – zielt auf Bedarfsdeckung. Sie kennt natürliche Grenzen, weil Bedürfnisse endlich sind. Die Chrematistike – Erwerbskunst – kennt solche Grenzen nicht. Hier entsteht Gewinn aus dem Geld selbst, nicht aus der Befriedigung von Bedürfnissen.
Aristoteles hielt die Chrematistike für widernatürlich. Diese Wertung muss niemand teilen. Interessant ist etwas anderes: Schon die antike Unterscheidung war keine neutrale Beschreibung. Sie reagierte auf reale Veränderungen – die wachsende Bedeutung der Agora, des Marktes – und versuchte, diese einzuhegen. Die Begriffe waren von Anfang an normativ aufgeladen.
Diese Unterscheidung blieb über zwei Jahrtausende wirksam. Die Hausvaterliteratur des 17. und 18. Jahrhunderts operierte noch im Geist der aristotelischen Oikonomia. Erst die Merkantilisten vollzogen den Bruch: Sie interessierten sich primär für die Mehrung des Reichtums, nicht für dessen natürliche Begrenzung.
Braudels drei Schichten
Fernand Braudel, der große Historiker der Annales-Schule, verfeinerte diese Zweiteilung. Er unterschied drei Schichten ökonomischer Aktivität:
An der Basis liegt das materielle Leben – Subsistenzlandwirtschaft, dörflicher Tausch, Produktion für lokalen Konsum. Diese Schicht verändert sich am langsamsten; Ernährungsgewohnheiten wandeln sich über Jahrhunderte.
Darüber liegt die Marktwirtschaft – Städte, Handel, Messen, Währungen. Braudel definierte sie durch Transparenz: Austauschvorgänge, bei denen alle Beteiligten die Regeln kennen, das Ergebnis absehen können, die Profite moderat bleiben. Die Marktwirtschaft folgt konjunkturellen Zyklen von Jahrzehnten.
Ganz oben sitzt der Kapitalismus. Für Braudel bezeichnete dieser Begriff gerade nicht die Marktwirtschaft, sondern deren Aufhebung: Monopole, Informationsasymmetrien, die Kontrolle ganzer Handelsnetzwerke. Die genuesischen Bankiers des 16. Jahrhunderts, die Amsterdamer Kaufleute des 17. – sie operierten oberhalb des Marktes, nutzten Informationsvorsprünge, erzeugten Abhängigkeiten durch Kredit.
Die entscheidende Pointe: Diese drei Schichten operieren in unterschiedlichen Zeitrhythmen. Kapitalismus hat die longue durée als seine Zeitmodalität – er strukturiert die langen Wellen, innerhalb derer sich Märkte und materielle Kultur bewegen.
Die neoklassische Dichotomie
Der Begriff „Realwirtschaft“ selbst ist erstaunlich jung. Er stammt aus der neoklassischen Wirtschaftstheorie des 20. Jahrhunderts und postuliert eine „klassische Dichotomie“: Monetäre Variablen – Geldmenge, Zinsen, Finanzpreise – beeinflussen die realen Variablen – Produktion, Beschäftigung, Konsum – langfristig nicht. Geld ist „neutral“, ein Schleier über den eigentlichen Transaktionen.
Sowohl Keynesianer*innen als auch Marxist*innen lehnen diese Dichotomie ab. Für Keynes ist Geld gerade nicht neutral; monetäre Faktoren beeinflussen reale Entscheidungen über Investition und Beschäftigung fundamental. Für Marx ist die Trennung ideologisch: Sie verschleiert, dass Finanzkapital und produktives Kapital verschiedene Momente desselben Verwertungsprozesses sind.
Marx‘ Analyse operiert mit einer anderen Begriffsarchitektur. Geldkapital, Warenkapital, produktives Kapital bezeichnen für ihn verschiedene Funktionsformen desselben Kapitals, das verschiedene Phasen seines Kreislaufs durchläuft. Die relevante Frage lautet: Welche Funktion erfüllt eine Kapitalform im Gesamtprozess?
Die Zahlen
Die quantitative Dimension ist dokumentiert. Der Anteil des Finanzsektors am BIP begann in den späten 1800er Jahren bei unter 3 Prozent, stieg bis in die 1920er auf 5,7 Prozent, fiel während der Großen Depression, und wuchs dann zwischen 1980 und 2006 von 4,8 auf 7,6 Prozent.
Thomas Philippons Forschung zeigt ein bemerkenswertes Muster: Die Kosten der Finanzintermediation wuchsen von 2% auf 6% zwischen 1870 und 1930, schrumpften auf unter 4% bis 1950, wuchsen langsam auf 5% bis 1980 – und stiegen dann rapide auf fast 9% bis 2010. Trotz massiver IT-Investitionen wurde Finanzintermediation nicht billiger. Das deutet auf strukturelle Rentenextraktion hin.
Am deutlichsten zeigt sich die Verschiebung bei den Derivaten. Der Gesamtwert ausstehender OTC-Derivate lag Ende 2023 bei etwa 667 Billionen Dollar. Das globale BIP liegt bei etwa 100 Billionen Dollar – ein Verhältnis von ungefähr 7:1. Diese Zahlen sind mit Vorsicht zu interpretieren; der Nominalwert von Derivaten überschätzt das tatsächliche Risiko systematisch. Aber die Größenordnung signalisiert eine strukturelle Verschiebung.
War um 1980 die sogenannte Realwirtschaft der Finanzwirtschaft quantitativ mit 2:1 überlegen, hat sich dieses Verhältnis auf etwa 1:3,5 umgekehrt.
Was folgt daraus?
Die Begriffe „Realwirtschaft“ und „Finanzwirtschaft“ sind nicht neutral. Die neoklassische Dichotomie suggeriert, es gebe eine „echte“ Wirtschaft der Produktion, die von der „virtuellen“ Finanzwirtschaft bloß abgebildet oder im schlimmsten Fall gestört wird.
Diese Sicht verschleiert mehreres. Die historische Verflochtenheit: Hilferding definierte Finanzkapital als „Kapital in der Verfügung der Banken und in der Verwendung der Industriellen“ – die Verschmelzung war das historische Kennzeichen, lange bevor jemand von „Trennung“ sprach. Die Konstruiertheit der Kategorien: Sind Immobilien „real“? Sie sind physisch, aber ihre Preise werden überwiegend durch Finanzierungsbedingungen bestimmt. Und die Machtverhältnisse: Die Rede von der „Realwirtschaft“ kann kritisches Potenzial haben, aber sie kann auch antimodernistische Ressentiments bedienen.
Eine differenzierte Analyse müsste fragen: Welche Formen von Finanzaktivität erfüllen welche Funktionen im Gesamtprozess? Kreditvergabe an Unternehmen für Investitionen unterscheidet sich von algorithmischem Hochfrequenzhandel. Die binäre Unterscheidung „real/finanziell“ kollabiert diese Differenzen.
Giovanni Arrighi hat argumentiert, dass die Verschiebung von produktiver zu finanzieller Akkumulation den Herbst eines hegemonialen Zyklus markiert. Ob die gegenwärtige Konstellation diesem Muster folgt, ist offen. Die Dekarbonisierung erfordert massive realwirtschaftliche Investitionen. Ob diese durch bestehende Finanzstrukturen kanalisiert werden können, wird sich zeigen.
Aristoteles‘ Unterscheidung von Oikonomia und Chrematistike war ein normativer Eingriff in eine sich verändernde Realität. Die heutige Rede von „Realwirtschaft“ ist es auch. Die Frage ist, welche Realität sie sichtbar macht – und welche sie verdeckt.
