Das sympathische Gesicht des Krieges: Florence Gaub und die Grenzen medialer Zukunftsforschung
Dieser Text ist eine Co-Produktion von Jonas Drechsel und Claude. Die Recherche, Strukturierung und argumentative Ausarbeitung entstanden im Dialog zwischen menschlicher Zukunftsforschungs-Expertise und KI-gestützter Textproduktion.
Wenn Zukunftsforscher*innen in Deutschland nach öffentlicher Sichtbarkeit ihrer Disziplin gefragt werden, fällt häufig ein Name: Florence Gaub. Die Politikwissenschaftlerin sitzt regelmäßig bei Markus Lanz, hatte die Hauptbühne bei der re:publica, ihr Buch „Zukunft: Eine Bedienungsanleitung“ wurde breit rezensiert. Endlich, so der Tenor in Teilen der Futures-Community, nimmt jemand die Zukunftsforschung ernst. Endlich Sichtbarkeit.
Ich teile diese Freude nicht. Im Gegenteil: Gaubs mediale Präsenz wirft grundsätzliche Fragen auf – über das Verhältnis von Expertise und Interesse, über die politische Funktion von Foresight und über die Kosten, die eine Disziplin zahlt, wenn sie sich über die falsche Repräsentantin definieren lässt.
Wer ist Florence Gaub?
Gaubs Karriere verläuft entlang der sicherheitspolitischen Institutionen des Westens. Sie war am NATO Defense College in Rom tätig, diente als Reserveoffizierin der französischen Armee, leitete als stellvertretende Direktorin das EU Institute for Security Studies in Paris. Seit 2023 ist sie zurück am NATO Defense College als Direktorin der Forschungsabteilung. Ihre Expertise liegt in der strategischen Vorausschau für Verteidigungsbündnisse und Regierungen – das ist legitim, aber es ist ein sehr spezifischer Zugang zu Zukünften.
In der deutschsprachigen Öffentlichkeit wurde sie bekannt durch ihre Auftritte seit dem russischen Angriff auf die Ukraine. Sie erklärt geopolitische Entwicklungen, ordnet ein, formuliert Szenarien. Das Label „Zukunftsforscherin“ verleiht ihren Analysen dabei eine Aura methodischer Neutralität – als spräche hier jemand über mögliche Zukünfte, nicht über strategische Interessen.
Was Gaub nicht ist
Gaubs Arbeit bewegt sich im Feld des Strategic Foresight: Szenariotechnik im Dienst von Institutionen, Trendanalysen für Entscheidungsträger*innen, Vorausschau als Planungsinstrument. Das ist eine Spielart der Zukunftsarbeit, aber es ist nicht das, was die akademische Futures Studies-Community in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat.
Die breiteren epistemologischen Debatten der Disziplin – über die Konstruiertheit von Szenarien, über die Frage, wessen Zukünfte eigentlich verhandelt werden, über die Macht, die in der Definition des Möglichen liegt – scheinen in Gaubs Arbeit kaum vorzukommen. Ihr Buch wurde von Rezensent*innen als „praktischer Ratgeber“ beschrieben, der „keine bahnbrechenden neuen Lösungsansätze“ biete. Spektrum bemängelte „begriffliche Schwächen“ und fehlerhafte philosophische Bezüge: Heidegger als Existentialist, Utopia als Zukunftsentwurf, Hegel als Philosoph der Zukunft statt der Geschichte.
Dazu kommt ein Punkt, der in der Rezeption kaum auftaucht: Gaubs Buch präsentiert Konzepte der Zukunftsforschung, ohne ihre intellektuelle Genealogie offenzulegen. Futures Literacy, Szenariotechnik, der Umgang mit Unsicherheit und multiplen Zukünften – diese Ideen haben eine Geschichte. Slaughter, Inayatullah, Miller, die kritische Tradition der Futures Studies: nichts davon taucht auf. Wer ein Grundlagenwerk für ein breites Publikum schreibt und diese Bezüge nicht herstellt, erweckt den Eindruck, als käme das alles aus dem eigenen Kopf. Oder als wäre es so selbstverständlich, dass es keiner Herleitung bedarf. Das ist kein Plagiat im engeren Sinn. Es ist mangelnde wissenschaftliche Redlichkeit gegenüber dem eigenen Feld – oder genauer: gegenüber einem Feld, dem sie sich offenbar nicht zugehörig fühlt.
Das wäre weniger problematisch, wenn Gaub als Sicherheitsexpertin mit Foresight-Elementen wahrgenommen würde. Sie wird aber als Repräsentantin einer ganzen Disziplin behandelt – und prägt damit das öffentliche Bild dessen, was Zukunftsforschung ist.
Die Diskursverschiebung
Gaubs mediale Funktion geht über Wissensvermittlung hinaus. Sie betreibt – vermutlich nicht intentional, aber effektiv – eine dreifache Diskursverschiebung.
Militärische Logik wird als Zukunftskompetenz gerahmt. Wer über Szenarien spricht, klingt nach Methode, nicht nach Interesse. Die NATO-Perspektive verschwindet hinter dem Label „Zukunftsforschung“, als wäre Foresight im Dienst von Verteidigungsbündnissen dasselbe wie kritische Auseinandersetzung mit möglichen Zukünften.
Eine bestimmte Weltsicht wird normalisiert. Aufrüstung erscheint als rationale Vorbereitung, nicht als politische Entscheidung mit Alternativen. Konfrontation wird zum Trend, den Gesellschaften managen müssen, nicht zu einer Entwicklung, die auch anders hätte laufen können. Die Frage „Wollen wir diese Zukunft?“ wird ersetzt durch „Wie bereiten wir uns auf diese Zukunft vor?“
Die Tonalität transportiert die Botschaft. Kein Säbelrasseln, keine aggressive Rhetorik. Sachlich, analytisch, beinahe soft. Das macht Gaubs Position anschlussfähig für ein liberales Publikum, das sich bei einem General unwohl fühlen würde. Sie übersetzt zwischen Sicherheitsapparat und Feuilleton.
April 2022
Ein Moment verdichtet diese Problematik. Bei Markus Lanz wurde Gaub gefragt, warum die russische Bevölkerung sich nicht gegen Putin auflehne. Ihre Antwort: „Wir dürfen nicht vergessen – auch wenn Russen europäisch aussehen –, dass es keine Europäer sind, jetzt im kulturellen Sinne, die einen anderen Bezug zu Gewalt haben, die einen anderen Bezug zu Tod haben.“
Die Aussage löste Kritik aus, überwiegend in alternativen Medien. Im Mainstream blieb der Widerspruch verhalten – und Gaub blieb Talkshow-Gast. Ihre Reaktion auf die Kritik verstärkte den Eindruck, dass sie kulturellen Essenzialismus mit geographischen Fakten verwechselt: 77 Prozent Russlands lägen in Asien, erklärte sie, als wäre das eine Antwort.
Die Episode zeigt, wohin unreflektierte Sicherheitsexpertise führen kann: zu Aussagen, die einem Kulturkontinent das Menschsein graduell absprechen. Das ist kein Ausrutscher. Es ist die Konsequenz einer Weltsicht, die Konflikte als Zusammenprall von Kulturen rahmt, statt als politische Dynamiken mit konkreten Akteuren und Entscheidungen.
Das Repräsentationsdilemma
Teile der deutschen Futures-Community beziehen sich auf Gaub mit einer Mischung aus Stolz und Erleichterung. Endlich jemand auf der großen Bühne, endlich werden wir wahrgenommen. Dieser Hunger nach Anerkennung ist verständlich bei einem Feld, das chronisch um Legitimität kämpft.
Aber er hat Kosten. Die Frage „Repräsentiert sie uns gut?“ wird überlagert von „Endlich werden wir wahrgenommen.“ Das definiert nach außen, was Zukunftsforschung ist – und diese Definition bleibt hängen. Wer künftig erklären will, was kritische Futures Studies bedeuten, muss erst einmal gegen das Bild anarbeiten, das Gaub etabliert hat: Zukunftsforschung als angewandte Geopolitik mit Szenariotechnik, im Dienst bestehender Machtstrukturen.
Die unbequeme Frage lautet: Warum sitzt niemand aus der kritischen Community bei Lanz? Liegt es nur an Gatekeeping und Zufall – oder auch daran, dass kritische Futures-Arbeit sich schwerer tut mit den Vereinfachungen, die massenmediale Formate verlangen? Epistemologische Reflexivität funktioniert schlecht im Talkshow-Format. Die Aussage „Es kommt darauf an, aus welcher Perspektive…“ liefert nicht, was diese Formate brauchen: klare Einordnungen, plausible Prognosen, keine störenden Vorbehalte.
Und jetzt? Die Realität bleibt.
Florence Gaub füllt eine Leerstelle. Sie ist nicht das Problem – sie ist ein Symptom dafür, wie öffentliche Expertise funktioniert: Mediale Logik und disziplinäre Tiefe folgen unterschiedlichen Regeln. Talkshows belohnen Selbstsicherheit und institutionelle Autorität. Kritische Reflexion ist Reibungsverlust.
Die Frage an die Futures-Community ist nicht, ob Gaub berechtigt als Zukunftsforscherin auftritt. Die Frage ist, ob jemand anderes die Leerstelle füllen könnte – oder ob das Format selbst das Problem ist. Und wenn ja: Welchen Preis zahlt eine Disziplin für Sichtbarkeit, die sie nicht kontrollieren kann?
Gaub wird weiter bei Lanz sitzen. Sie wird weiter erklären, wie der Krieg weitergehen wird, nicht ob die Logik stimmt, die ihn trägt. Die Futures-Community kann das feiern oder kritisieren. Ignorieren lässt es sich nicht.
