Fünf Sterne für den Untergang
Dieser Text ist eine Co-Produktion von Jonas Drechsel und Claude. Die Recherche, Strukturierung und argumentative Ausarbeitung entstanden im Dialog zwischen menschlicher Zukunftsforschungs-Expertise und KI-gestützter Textproduktion.
Ich bewerte gerne. Filme, Essen, manchmal den Tag. „Solide 7 von 10“, sage ich dann, und es fühlt sich an wie ein kleines Spiel. Eine ironische Distanz zur Welt, die sich weigert, in einfache Kategorien zu passen, und die ich trotzdem – augenzwinkernd, versteht sich – in eine Zahl presse. Das Spiel funktioniert, weil alle wissen, dass es ein Spiel ist. Die 7 bedeutet nichts Präzises. Sie bedeutet: war okay, hatte Schwächen, würde ich vielleicht wiederholen. Sie ist Gesprächseröffnung, nicht Urteil.
Dann öffne ich Google Maps und lese Restaurantbewertungen. „Essen war gut, Bedienung freundlich, aber ich musste fünf Minuten auf einen Parkplatz warten. Ein Stern.“ Hier spielt niemand mehr.
Die Demokratisierung des Verdikts
Was passiert ist, lässt sich oberflächlich als Erfolgsgeschichte erzählen. Früher entschieden Kritiker*innen, Reiseführer, Institutionen, was gut war und was nicht. Heute kann jede*r bewerten. Die Deutungshoheit wurde demokratisiert, das Urteil aus den Händen der Gatekeeper genommen und an die Vielen verteilt. So weit die freundliche Version.
Die weniger freundliche: Was als Demokratisierung erscheint, ist auch eine Universalisierung der Konsument*innenposition. Alles wird zur Dienstleistung, die zu performen hat. Der Arzt, die Lehrerin, der Vermieter, die Kellnerin – sie alle stehen jetzt vor einem Publikum, das Sterne vergibt. Die Haltung, ursprünglich auf den Warenkauf beschränkt, dehnt sich in alle Lebensbereiche aus. Und mit ihr eine spezifische Erwartung: dass die Welt gefällig zu sein hat.
Die absurden Ein-Stern-Bewertungen sind dabei keine Fehlfunktion. Sie sind das System in Reinform. Ein Stern für den fehlenden Parkplatz. Ein Stern, weil die Ärztin gesagt hat, man solle abnehmen. Ein Stern, weil das Hotel keine Klimaanlage hatte – im Oktober, in Norwegen. Diese Bewertungen sagen präzise nichts über das Bewertete aus. Sie sagen alles über die Erwartungsstruktur derjenigen, die sie schreiben.
Was Black Mirror Nosedive nicht erzählt
Es gibt eine Folge der Serie, „Nosedive“, in der eine Gesellschaft gezeigt wird, die vollständig auf gegenseitiger Bewertung basiert. Jede Interaktion wird mit Sternen quittiert, der persönliche Score entscheidet über Wohnung, Job, sozialen Status. Die Protagonistin versucht verzweifelt, ihre Bewertung zu optimieren, scheitert, bricht zusammen. Dystopie, Abwärtsspirale, alles schlecht.
Das Problem mit dieser Erzählung ist nicht, dass sie falsch wäre. Die Mechanismen, die sie zeigt, existieren. Uber-Fahrer*innen werden deaktiviert, wenn ihr Score unter einen Schwellenwert fällt. Airbnb-Hosts optimieren auf Sterne statt auf Gastfreundschaft. Wer auf Dating-Apps schlecht bewertet wird, verschwindet aus den Suchergebnissen. Die Quantifizierung greift.
Aber die Black-Mirror-Rahmung verfehlt etwas Wesentliches: die Banalität. In der Serie ist die Bewertungsgesellschaft totalitär und lückenlos. In der Realität ist sie vor allem: absurd. Keine perfekt funktionierende Überwachungsmaschine, sondern ein Flickenteppich aus widersprüchlichen Metriken, aufgeblasenen Zahlen und Menschen, die wütend sind, weil der Parkplatz voll war.
Studien zeigen, dass der Durchschnittswert auf Airbnb bei 4,7 Sternen liegt. 94 Prozent aller Unterkünfte haben 4,5 Sterne oder mehr. Auf einer Fünf-Punkte-Skala ist der Bereich zwischen 1 und 4 praktisch leer. Die vermeintliche Differenzierung kollabiert zur binären Unterscheidung: 5 Sterne heißt „bestanden“, alles andere heißt „durchgefallen“. Ein System, das zur Orientierung erfunden wurde, produziert Orientierungslosigkeit. Wenn alles 4,7 Sterne hat, hat nichts 4,7 Sterne.
Die Inflation und ihre Gewinner
Was hier passiert, nennt die Forschung „Reputation Inflation“. Der Mechanismus ist simpel. Bewertende verspüren Druck, niemandem zu schaden. Fünf Sterne fühlen sich neutral an, vier wie eine Bestrafung. Also geben alle fünf, der Durchschnitt steigt, und was gestern noch überdurchschnittlich war, ist heute Mindeststandard. Auf manchen Online-Arbeitsplattformen stieg der Anteil perfekter Fünf-Sterne-Bewertungen innerhalb weniger Jahre von 33 auf 85 Prozent. Eine Skala, die differenzieren sollte, unterscheidet am Ende nur noch zwischen „perfekt“ und „verdächtig“.
Die Soziolog*innen Marion Fourcade und Kieran Healy haben kürzlich beschrieben, was das mit Lebenschancen macht. Sie sprechen von „Eigencapital“ – der numerisch geronnenen Reputation, die darüber entscheidet, wer einen Kredit bekommt, wer wie lange in der Warteschleife hängt, wer die Grenze passieren darf. Das Perfide: Die resultierende Ungleichheit erscheint verdient. Wer schlechte Zahlen hat, hat offenbar schlechter performt. Die Zahl macht aus strukturellem Nachteil individuelles Versagen.
Aber auch das ist nur die halbe Geschichte. Für manche Gruppen haben Rating-Systeme ermächtigende Effekte. Eine Migrantin ohne lokales Netzwerk kann über gute Bewertungen Vertrauen aufbauen, das ihr sonst verwehrt bliebe. Ein Handwerker ohne Meisterbrief akkumuliert Reputation über Rezensionen. Die Quantifizierung ersetzt andere Formen der Statusvergabe – persönliche Beziehungen, institutionelle Zertifikate, Herkunft – die ihrerseits nicht neutral waren. Wer nur die Dystopie sieht, verpasst diese Ambivalenz.
Das Verschwinden des Gesprächs
Was die Bewertungssysteme am gründlichsten liquidieren, ist nicht die Differenzierung – die war ohnehin nie ihr Zweck. Es ist das Gespräch. Die Möglichkeit, zu sagen: Das war nicht in Ordnung, und zu hören: Das hat folgenden Grund. Die Ein-Stern-Bewertung ersetzt diesen Austausch durch eine einseitige Sanktion. Sie ermöglicht Konfliktvermeidung und Bestrafung zugleich. Der Gast muss der Kellnerin nicht sagen, dass er unzufrieden war. Er kann es später ins System einspeisen, anonym, unwiderlegbar.
Umgekehrt erzeugt das System systematische Anreize zur Gefälligkeit. Die beste Ärztin ist nicht die, die angenehm kommuniziert, sondern die, die richtig diagnostiziert – aber das System kann nur messen, wie sich etwas angefühlt hat. Also schweigen Ärzt*innen, die früher gesagt hätten, was Sache ist. Lehrer*innen vermeiden klare Urteile. Handwerker*innen erklären nicht mehr, dass der Schaden selbstverschuldet war. Alle performen Freundlichkeit, weil Widerspruch einen Stern kostet.
Das Spiel und der Ernst
Ich bewerte weiterhin. Der Film gestern Abend: 6 von 10, interessante Idee, schwacher dritter Akt. Das Essen beim Italiener: 8, für die Gegend hervorragend. Es bleibt ein Spiel, solange es im Gespräch stattfindet, solange es Widerspruch erlaubt, solange die Zahl Anlass ist und nicht Verdikt.
Der Unterschied zur Google-Bewertung liegt nicht in der Zahl. Er liegt darin, was mit der Zahl passiert. Ob sie in eine Architektur eingespeist wird, die Differenzierung bestraft und Extreme belohnt. Ob sie akkumuliert wird zu einem Score, der über Lebenschancen entscheidet. Ob sie ersetzt, was früher Aushandlung war.
Das ist keine Totalität. Es ist ein Nebeneinander aus Überwachungskapitalismus und Parkplatzfrust, aus algorithmischer Sortierung und handgeschriebenen Tiraden über mangelnde Klimaanlagen im norwegischen Herbst. Die Dystopie ist da, aber sie funktioniert nicht reibungslos. Sie ist durchsetzt von Absurdität, Widerspruch, Schlupflöchern. Das macht sie nicht harmlos. Aber es macht sie veränderbar.
Auf meinem Bildschirm leuchtet eine Benachrichtigung. Jemand hat meine letzte Airbnb-Bewertung hilfreich gefunden. Ich bekomme ein Abzeichen dafür. Mein Status als Bewerter steigt.
