Handeln ohne Garantie: Für eine Ethik des Erkundens
Dieser Text ist eine Co-Produktion von Jonas Drechsel und Claude. Die Recherche, Strukturierung und argumentative Ausarbeitung entstanden im Dialog zwischen menschlicher Zukunftsforschungs-Expertise und KI-gestützter Textproduktion.
Am Anfang von Projekten steht oft eine Forderung: Definiert erst die Vision, dann handelt. Das klingt vernünftig. Es klingt nach Professionalität, nach Ressourcenschonung, nach Risikominimierung. Und genau deshalb ist es in vielen Fällen falsch. Die Annahme dahinter: Vision existiert als fertiges Bild, das man nur noch freilegen muss. Wie eine Skulptur im Marmorblock, die darauf wartet, herausgemeißelt zu werden. Doch wer so denkt, verwechselt Zielplanung mit Zukunftsgestaltung. Bei komplexen Vorhaben – und fast alles gesellschaftlich Relevante ist komplex – entsteht Klarheit nicht vor dem Handeln, sondern durch das Handeln.
Die Tyrannei der Wirkungsgarantie
In Projektanträgen, Strategiepapieren und Fördergesprächen herrscht ein implizites Dogma: Handlung ist nur dann gerechtfertigt, wenn sie nachweislich zum Ziel führt. Alles andere gilt als Naivität oder Verschwendung. Diese Logik hat einen blinden Fleck, der so groß ist, dass er die ganze Logik verschlingt: Sie setzt voraus, dass die Wirkung einer Handlung vor der Handlung bestimmbar ist. Bei trivialen Systemen mag das funktionieren. Wer einen Nagel in die Wand schlagen will, kann mit hoher Sicherheit vorhersagen, was passiert. Doch gesellschaftliche Realität ist kein Nagel. Sie ist ein Geflecht aus Rückkopplungen, Eigendynamiken und unvorhersehbaren Reaktionen. Die Forderung nach Wirkungsgarantie wird hier zur Handlungsblockade – elegant verkleidet als Verantwortungsbewusstsein.
Hannah Arendt hat diese Unterscheidung scharf gefasst: Handeln im eigentlichen Sinne unterscheidet sich vom Herstellen gerade dadurch, dass sein Ausgang ungewiss ist. Wer nur handelt, wenn das Ergebnis feststeht, handelt eigentlich nicht – er exekutiert einen Plan. Echtes Handeln setzt etwas in die Welt, dessen Wirkung sich erst im Zusammenspiel mit anderen entfaltet.
Was die Handlungsforschung zeigt
Die Motivationspsychologie kennt das Rubikon-Modell: Es unterscheidet zwischen Motivation – der Phase des Abwägens und Zielwählens – und Volition – der Phase der Zielrealisierung. Der „Rubikon“ markiert den Moment, in dem aus Deliberation Entschlossenheit wird. Davor: Offenheit für Alternativen, Abwägen von Optionen. Danach: Fokussierung auf das Wie, Ausblenden von Ablenkungen. Das Problem: Zu lange im deliberativen Modus zu verharren – endlose Visionsdiskussionen, Strategieworkshops, Konzeptpapiere – kann den Rubikon-Übergang blockieren. Das Handeln selbst erzwingt den Wechsel ins implementative Mindset. Wer nie aufbricht, bleibt ewig in der Planungsschleife.
Pierre Bourdieu ergänzt eine weitere Dimension: Ein großer Teil menschlichen Handelns läuft weder bewusst-intentional noch mechanisch ab, sondern folgt inkorporierten Dispositionen – dem Habitus. Dieses praktische Wissen ist kein explizites Regelwissen, sondern ein Gespür für das Angemessene. Es entsteht durch wiederholte Praxis, nicht durch Reflexion über Praxis. Vision im Tun bedeutet auch: Den Habitus entwickeln, der die Vision trägt. Herbert Simons Konzept der „bounded rationality“ macht deutlich, warum die Forderung nach optimaler Planung ohnehin verfehlt ist: Menschen maximieren nicht, sie „satisficen“ – sie suchen nach Optionen, die gut genug sind. Vollständige Rationalität ist angesichts begrenzter Zeit, Information und kognitiver Kapazität unmöglich. Handlung unter Unsicherheit ist der Normalfall.
Pull statt Push
Die Alternative zur erdrückenden Zielplanung ist keine Ziellosigkeit. Sie ist eine andere Art von Orientierung: Pull statt Push. Der „pull of the future“ funktioniert wie ein Attraktor – er zieht an, ohne zu diktieren. Er gibt Richtung, aber keine Schrittfolge vor. Das unterscheidet ihn fundamental von der klassischen Zielplanung, die vom Endpunkt rückwärts rechnet und jeden Schritt mit dem Gewicht des Gesamtprojekts auflädt.
Was braucht ein solcher Pull, um zu inspirieren, ohne zu erdrücken?
- Qualitäten statt Zustände. Nicht „Eine Welt ohne Armut“ als Zielbild, sondern: Welche Qualität von Zusammenleben zieht mich an? Qualitäten sind richtungsgebend, aber nicht messbar im Sinne von Erfolg oder Misserfolg. Man kann einer Qualität näherkommen, ohne je „fertig“ zu sein. Das entlastet.
- Bilder statt Pläne. Ein Bild darf unscharf sein. Es darf Leerstellen haben. Es lädt zur Interpretation ein, statt zu diktieren. Der Plan sagt: So muss es werden. Das Bild sagt: So könnte es sich anfühlen.
- Sehnsucht als Kompass. Ernst Bloch nannte es „Vorschein“ – Momente, in denen Zukunft aufblitzt. Die Frage ist nicht: Wie sieht die perfekte Zukunft aus? Die Frage ist: Wo habe ich das, was ich suche, schon einmal erlebt – und sei es nur für Sekunden?
- Unvollständigkeit als Feature. Der Pull darf fragmentarisch sein. Er muss nicht alles erklären. Gerade die Lücken schaffen Raum für das, was sich erst im Tun zeigt.
Produktive Naivität
Die produktive Naivität ist kein Defizit an Realismus. Sie ist ein Überschuss an Möglichkeitssinn. Sie sieht, was noch nicht ist, aber sein könnte – und behandelt dieses Noch-Nicht als Einladung. Wer handelt, bevor alle Bedingungen geklärt sind, ist nicht unvorsichtig. Er weigert sich, die Gegenwart als Gefängnis zu akzeptieren. Das ist keine Verleugnung von Widerständen, sondern die Entscheidung, sich von ihnen nicht definieren zu lassen.
Die Frage „Wird das funktionieren?“ ist dabei häufig die falsche Frage. Die richtigere Frage lautet: Was wird sichtbar, wenn ich es versuche? Jede Handlung ist ein Suchscheinwerfer. Sie beleuchtet Terrain, das vorher im Dunkeln lag – auch und gerade, wenn sie scheitert. Das Scheitern verliert seinen Schrecken, wenn es als Erkenntnisform verstanden wird. Nicht als Urteil über den Handelnden, sondern als Information über die Welt. Die Welt antwortet nur denen, die sie befragen. Und Befragen heißt: etwas tun, dessen Ausgang offen ist.
Die Leichtigkeit, die daraus entsteht, ist keine Oberflächlichkeit. Sie ist das Gegenteil von Lähmung. Sie kommt aus der Einsicht, dass Perfektion eine Fiktion ist und dass Warten eine Form von Feigheit sein kann. Dass der unfertige Versuch mehr Würde hat als die perfekte Absicht, die nie Gestalt annimmt.
Eine Architektur der Hoffnung
Drei Elemente bilden eine Architektur, die sowohl Aufbruch ermöglicht als auch Bodenhaftung sichert. Das erste ist die Grundhaltung, dass es gut werden kann. Das ist keine naive Zuversicht, sondern eine existenzielle Entscheidung. Es ist das, wofür Gestalter*innen leben. Diese Haltung trägt, weil sie nicht an Bedingungen geknüpft ist. Sie sagt nicht: Es wird gut, wenn X erreicht wird. Sie sagt: Die Möglichkeit des Guten ist real, und das reicht als Grund, es zu versuchen.
Das zweite Element ist der Beweis durch Realutopien. Erik Olin Wright hat den Begriff geprägt: Realutopien sind keine Träumereien, sondern funktionierende Alternativen im Hier und Jetzt. Genossenschaften, Commons-Projekte, Experimente solidarischer Ökonomie. Sie zeigen: Es ist so viel mehr möglich, als der Mainstream suggeriert. Sie sind der empirische Gegenbeweis zur Behauptung, es gäbe keine Alternative. Wer an Realutopien mitgestaltet, produziert Ergebnisse und Evidenz zugleich.
Das dritte Element ist die kritische Zukunftsforschung als Erdung. Sie verhindert, dass aus Hoffnung Dogma wird. Eine kritische Grundhaltung fragt: Wessen Zukunft wird hier als alternativlos präsentiert? Welche Mächte haben ein Interesse daran, bestimmte Perspektiven als „realistisch“ zu labeln und andere als utopisch abzutun? Diese Fragen schaffen Distanz. Sie ermöglichen, die offiziellen Zukünfte als das zu durchschauen, was sie oft sind: Machtprojektionen, verkleidet als Notwendigkeit. Die drei Elemente stützen sich gegenseitig: Die Grundhaltung gibt Energie. Die Realutopien geben Evidenz. Die kritische Forschung gibt Bodenhaftung. Ohne die Grundhaltung fehlt der Antrieb. Ohne die Realutopien bleibt Hoffnung abstrakt. Ohne die kritische Reflexion droht die Hoffnung zur Ideologie zu gerinnen.
Das Lachen der Souveränität
Es gibt einen Moment, in dem kritische Zukunftsforschung in etwas Befreiendes umschlägt: das Lachen über die offiziellen Zukünfte. Wenn Konzerne ihre Nachhaltigkeitsstrategien präsentieren, die das Bestehende fortschreiben und als Innovation verkaufen. Wenn politische Akteur*innen Alternativlosigkeit beschwören, wo längst Alternativen praktiziert werden. Wenn Thinktanks Szenarien entwickeln, deren Hauptfunktion darin besteht, bestimmte Interessen als Zukunft zu verkleiden. Dieses Lachen ist nicht zynisch. Es ist die Souveränität derer, die durchschaut haben, dass der Kaiser nackt ist. Es entlastet vom Druck, die herrschenden Zukunftsbilder ernst nehmen zu müssen. Und es schafft Raum für die Frage: Wenn diese Zukünfte nicht zwingend sind – was dann?
Aufbruch braucht keine Garantien
Eine Ethik des Erkundens verschiebt das Bewertungskriterium für Handeln. Nicht mehr allein „Hat es funktioniert?“ als Maßstab, sondern auch: War es ein aufrichtiger Versuch, etwas zu erkunden, das hilfreich sein könnte? Hat die Handlung neues Terrain beleuchtet? Bin ich bereit, aus dem zu lernen, was sich zeigt – auch wenn es nicht das ist, was ich erhofft hatte? Das ist keine Ethik der Beliebigkeit. Sie verlangt Richtung, auch wenn diese unscharf sein darf. Sie verlangt Aufmerksamkeit für das, was die Welt zurückspielt. Sie verlangt die Bereitschaft zur Korrektur.
Die Handlungsforschung zeigt: Menschen handeln ohnehin unter Unsicherheit. Die Frage ist nur, ob sie das akzeptieren oder sich mit Planungsillusion betäuben. Aufbruch braucht Richtung und die Bereitschaft, unterwegs zu lernen. Der Rest zeigt sich im Tun.
