Maduro, Öl und die Architektur des Offensichtlichen
Dieser Text ist eine Co-Produktion von Jonas Drechsel und Claude. Die Recherche, Strukturierung und argumentative Ausarbeitung entstanden im Dialog zwischen menschlicher Zukunftsforschungs-Expertise und KI-gestützter Textproduktion.
Nicolás Maduro wurde in der Nacht zum 4. Januar 2026 von US-Spezialkräften aus Caracas entführt. Ein amtierender Staatschef, aus seiner Hauptstadt verschleppt. Die Schlagzeilen der folgenden Stunden erzählen viel darüber, wie Narrative konstruiert werden – und was dabei systematisch verschwindet.
Das Offensichtliche und das Unsichtbare
Die Berichterstattung westlicher Medien folgt einem erkennbaren Muster. Die dominanten Frames lauten: „korrupter Diktator“, „Narco-Terrorist“, „illegitimer Präsident“. Diese Zuschreibungen sind dabei weder vollständig falsch noch vollständig wahr – sie sind vor allem funktional.
Venezuela erreichte 2024 im Corruption Perceptions Index von Transparency International einen Wert von 10 auf einer Skala bis 100. Das ist der niedrigste Wert, den das Land je hatte. Venezolanische Journalist*innen wie Roberto Deniz von Armando.info haben unter erheblichem persönlichem Risiko dokumentiert, wie Regierungsprogramme zur Bereicherung von Maduros Verbündeten missbraucht wurden. Deniz lebt im Exil, sein Haus wurde durchsucht, ein Haftbefehl gegen ihn ist aktiv. Die Korruption ist real, sie ist dokumentiert, sie hat Quellen jenseits des US-Justizministeriums.
Die Frage lautet daher: Warum wird genau jetzt, mit genau diesen Mitteln, gegen genau diesen Autokraten vorgegangen?
Die Chronologie, die fehlt
In der Kurzfristberichterstattung verschwindet systematisch die Geschichte. Die Nationalisierung der venezolanischen Ölindustrie erfolgte 1976 unter Präsident Carlos Andrés Pérez – reibungslos, mit Entschädigung der multinationalen Konzerne, ohne diplomatischen Konflikt mit Washington. PDVSA, die staatliche Ölgesellschaft, galt jahrzehntelang als eine der professionellsten staatlichen Ölgesellschaften weltweit.
Die US-Sanktionen gegen Venezuela begannen 2005, als Reaktion auf die Verstaatlichung von Ölvermögenswerten unter Chávez. 2007 forderte die venezolanische Regierung von ausländischen Unternehmen, ihre Beteiligungen so umzustrukturieren, dass PDVSA Mehrheitskontrolle erhält. ExxonMobil und ConocoPhillips widersetzten sich, ihre Vermögenswerte wurden beschlagnahmt. Die Eskalation begann also nicht mit Drogenvorwürfen, sondern mit Eigentumsstreitigkeiten.
Diese zeitliche Abfolge erscheint selten in der aktuellen Berichterstattung. Sie würde den Frame „korrupter Narco-Staat wird zur Rechenschaft gezogen“ verkomplizieren. Die Vereinfachung ist redaktionell nachvollziehbar – und analytisch fatal.
Das Narrativ und seine Träger*innen
Wer spricht, bestimmt, was sagbar wird. In den vergangenen Wochen dominieren drei Gruppen die öffentliche Deutung:
- US-Regierungsvertreter*innen, die Venezuela als „Narco-Terroristen-Regime“ framen. Justizministerin Pam Bondi sprach vom „vollen Zorn amerikanischer Gerechtigkeit“, der Maduro erwarte. Homeland Security Advisor Stephen Miller deutete an, Venezuelas Öl gehöre Washington. Die Anklage selbst räumt ein, dass sie trotz behaupteter Verbindungen zu sechs verschiedenen Gangs „wenige Einzelheiten zu konkreten Koordinationshandlungen“ Maduros bietet.
- Westliche Leitmedien, die diese Frames überwiegend übernehmen. Der CNN-Leitartikel vom Samstag beschreibt die Operation als „Ausdruck unbeschränkter Macht“ und problematisiert zwar die Legalität, nicht aber die zugrundeliegenden Interessen. Die Frage, warum Mexikos und Kolumbiens Kartelle – größere Akteure im Drogenhandel – weniger US-Militärfokus auf sich ziehen, wird selten gestellt.
- Expert*innen von Thinktanks wie dem Council on Foreign Relations oder Chatham House, die differenzierter argumentieren, aber in der Schlagzeilenökonomie untergehen. Chatham House notiert nüchtern: „Das US-Interesse an der Bekämpfung des Drogenhandels bietet keine rechtliche Rechtfertigung“ für die Operation. Diese Einschätzung erreicht Fachpublikum, selten Primetime.
Was in Deutschland passiert
Die deutsche Berichterstattung folgt dem transatlantischen Konsens, fügt aber eigene Leerstellen hinzu. Die Tagesschau berichtet über die „Festnahme“, nicht über die völkerrechtlichen Implikationen einer militärischen Entführung eines amtierenden Staatschefs. Der Spiegel fokussiert auf Maduros „diktatorische Herrschaft“, weniger auf die Frage, welchen Präzedenzfall die US-Operation schafft.
Die spezifisch deutsche Leerstelle betrifft die eigene Energiepolitik. Venezuela besitzt die größten nachgewiesenen Ölreserven der Welt. Deutschland hat gerade eine schmerzhafte Lektion in Energieabhängigkeit hinter sich. Die Frage, welche Interessen hinter dem Regime-Change-Narrativ stehen und wie Europa davon betroffen sein könnte, bleibt weitgehend ungestellt.
Das Narrativ aus Caracas
Die venezolanische Regierung – soweit sie noch kommunizieren kann – liefert ein Gegennarrativ: Die USA wollen das Öl. Das ist eine Vereinfachung in die Gegenrichtung, aber keine vollständig grundlose. Die zeitliche Koinzidenz von Trumps angekündigter „totaler Blockade“ venezolanischer Öltanker und der militärischen Eskalation ist dokumentiert. Die Tatsache, dass Chevron als einziges US-Unternehmen noch in Venezuela operiert und gerade erst eine erweiterte Lizenz erhielt, passt schlecht zum Narrativ des prinzipientreuen Anti-Korruptionskampfes.
Das venezolanische Gegennarrativ hat einen Kern Wahrheit, überdehnt ihn aber zur Totalerklärung. Korruption wird dabei zur bloßen Erfindung umgedeutet, was die dokumentierte Arbeit venezolanischer Investigativjournalist*innen ignoriert. Beide Seiten operieren mit selektiver Evidenz.
Was anderswo gesagt wird
Außerhalb des westlichen Medienraums verschieben sich die Frames erheblich. Chinesische und russische Medien betonen die Völkerrechtsverletzung und den Präzedenzfall. Al Jazeera zitiert das Prinzip der „Permanent Sovereignty over Natural Resources“ – ein völkerrechtlicher Grundsatz, der nach der Dekolonisierung entstand und souveränen Staaten das Recht zusichert, ihre Ressourcen zu kontrollieren.
In Lateinamerika selbst ist die Reaktion gespalten. Die demokratische Opposition Venezuelas, die Maduros Wahlbetrug dokumentiert hat, begrüßt seinen Sturz – äußert aber Unbehagen über die Methode. Die Frage, ob die USA „das Recht beanspruchen können, Militärgewalt einzusetzen, um ausländische Staatschefs zu entführen“, stellt Senator Mark Warner, ein Demokrat, öffentlich. Er fragt weiter: „Was hindert China daran, dieselbe Autorität gegenüber Taiwans Führung zu beanspruchen? Was stoppt Putin, eine ähnliche Rechtfertigung für die Entführung des ukrainischen Präsidenten geltend zu machen?“
Diese Fragen erscheinen in der US-Berichterstattung, werden aber selten als zentral behandelt. In der deutschen Berichterstattung tauchen sie kaum auf.
Die Struktur des Ausblendens
Die narrativkritische Analyse zeigt ein Muster. Ausgeblendet wird systematisch: die zeitliche Tiefe (Sanktionen begannen 2005 wegen Öl, nicht wegen Drogen), die ökonomischen Interessen (größte Ölreserven der Welt), die völkerrechtlichen Präzedenzfälle (Entführung eines amtierenden Staatschefs), die Stimmen venezolanischer Zivilgesellschaft jenseits der Opposition (Journalist*innen, die beide Seiten kritisieren), die Widersprüche im US-Narrativ (warum Venezuela, nicht Mexiko oder Kolumbien?).
Eingeblendet wird: der korrupte Diktator, der Drogenhandel, die gefälschte Wahl, der humanitäre Exodus. Die eingeblendeten Elemente sind faktisch belegt. Sie erklären aber weder das Timing noch die Methode noch die Selektivität der US-Intervention. Für eine vollständige Analyse müsste beides sichtbar sein.
Die Funktion der Vereinfachung
Narrative funktionieren durch Reduktion. Das liegt in ihrer Natur. Ein Artikel kann schwer gleichzeitig erklären, dass Maduro korrupt ist, dass venezolanische Journalist*innen dies unter Lebensgefahr dokumentiert haben, dass die US-Sanktionen ursprünglich ökonomisch motiviert waren, dass die Militäroperation völkerrechtlich nicht zu rechtfertigen ist, dass China und Russland eigene Interessen verfolgen, und dass die venezolanische Opposition den Sturz begrüßt, aber die Methode kritisiert.
Die Frage ist daher nicht, ob vereinfacht wird, sondern wie. Welche Vereinfachung dient welchen Interessen? Die Reduktion auf „Narco-Diktator wird zur Rechenschaft gezogen“ legitimiert eine militärische Intervention ohne Kriegserklärung oder Kongressautorisierung. Die Reduktion auf „USA wollen das Öl“ delegitimiert jeden Korruptionsvorwurf. Beide Vereinfachungen sind analytisch unzureichend.
Wahrheit ist vor allem eine Frage der Perspektive
Maduro ist ein Autokrat, dessen Regime dokumentiert korrupt ist, dessen Wahlfälschung belegt ist, dessen Menschenrechtsverletzungen vom Internationalen Strafgerichtshof untersucht werden. Das ist die eine Wahrheit. Die USA haben einen amtierenden Staatschef ohne Kriegserklärung aus seiner Hauptstadt entführt, nachdem sie jahrzehntelang versucht haben, die Kontrolle über die größten Ölreserven der Welt zurückzuerlangen.
Das ist die andere Wahrheit. Die Berichterstattung, die nur eine dieser Wahrheiten erzählt, ist nicht neutral. Sie ist funktional. Die Frage, für wen sie funktioniert, beantwortet sich durch das, was sie ausblendet. Chevron hat seine Lizenz für Venezuela gerade verlängert bekommen.
