Die Hand, die sich hebt: Eine White Mirror Story

Black Mirror nimmt eine Tendenz der Gegenwart und treibt sie ins Düstere. White Mirror kehrt den Blick um: Es sucht, was heute schon trägt, und denkt es weiter. Was wäre, wenn Demokratie zur täglichen Übung würde, statt ein Kreuz alle vier Jahre zu bleiben? Diese Zukunft hat Wurzeln in der Gegenwart. In Energiegenossenschaften engagieren sich in Deutschland schon heute über 200.000 Menschen. In Ostbelgien tagt ein per Los besetzter Bürgerrat. Vielerorts entscheiden Menschen über Bürgerhaushalte mit. Die folgende Geschichte spinnt diese Fäden weiter, in ein erfundenes Greifenau der frühen 2050er. Sie entstand im Dialog mit Claude, im Testlauf der Methode White Mirroring.

Der Oktober, in dem Birgit zum achten Mal verlor

In dem Oktober, in dem Birgit zum achten Mal verlor, roch die Halle nach nassem Holz und nach Hefekuchen, und draußen lag schon der erste Reif auf den Gartenanteilen am Hang. Die ganze Stadt war gekommen, so wie jedes Jahr zwischen dem Einkellern und dem ersten Frost. Die Kinder drängten sich vorne an der Bühne, wo früher die große Turbine gestanden hatte, die Alten saßen hinten auf den Bänken mit den Wolldecken über den Knien, und dazwischen redete und lachte das halbe Greifenau durcheinander, bis Hanne mit einem Löffel an ein Glas schlug. Vorne auf dem Tisch stand die Trommel mit den Losen, eine alte Holztrommel aus einer aufgelösten Schützengilde, der einzige feierliche Gegenstand in einer Halle, die sonst nach Arbeit aussah.

Verlost wurde, was knapp war und was viele wollten. Die vier südseitigen Wohnungen im sanierten Maschinenhaus, mit den hohen Fenstern und der Morgensonne, die im Winter bis tief in die Zimmer fiel. Die guten Gartenanteile, an denen schon Mitte August die Tomaten reif wurden. Die Stunden an der großen Fräse in der Holzwerkstatt. Und der Platz im Pflege-Wohnprojekt mit dem Garten, auf den die Familien warteten, deren Eltern alt wurden. Diese Güter ließen sich in Greifenau auf keinem Weg erwerben, den ein Mensch sich erarbeiten oder erkaufen konnte. Sie fielen einem zu oder sie fielen einem nicht zu. Das Los entschied, und das Los kannte die Bewerber nicht.

Birgit stand mit ihren beiden Kindern an der Seitenwand, in ihrer Pflegekleidung, weil sie zwischen zwei Schichten gekommen war. Ihr Sohn Jonne, vierzehn, hielt das Familienlos und las die Nummern mit, halb aufgeregt, halb gelangweilt, so wie ein Kind mitliest, das die Ziehung sein Leben lang als Fest kennt. Die erste südseitige Wohnung ging an ein junges Paar, die zweite an Reinhard, bei der dritten und vierten sah Birgit schon auf ihre Schuhe. Jonne stieß sie an und sagte, nächstes Jahr, Mama, und sie strich ihm über den Kopf und sagte, nächstes Jahr. Um sie herum jubelten die, die gezogen worden waren, und klopften denen auf die Schulter, die leer ausgingen.

Acht Jahre wartete Birgit nun auf die hohen Fenster. Sie wohnte im Nordflügel, im noch unsanierten Teil des alten Verwaltungsbaus, wo die Sonne von November bis Februar an den Wänden vorbeizog. Das Los kannte ihre Schichten nicht, es kannte ihre Kinder nicht, und es kannte die acht Jahre nicht. Warum eine Stadt ihre besten Wohnungen verlost, statt sie den Bedürftigsten zu geben, erklärte Jonne am schnellsten. Wer Bedürftigkeit anrechnet, braucht jemanden, der über sie urteilt, und das Los braucht niemanden. So hatten es die Greifenauer beschlossen, lange vor dem knappen Winter.

Eine Stadt, die einmal Strom machte

Greifenau hatte einmal Strom für die halbe Region gemacht. Als das Kraftwerk abgeschaltet wurde, ging die Stadt durch die Jahre, die alle Kraftwerksstädte durchgingen, die leeren Schaufenster, die weggezogenen Jungen. Die Alten sprachen darüber, wie man über eine Krankheit spricht, die man überstanden hat.

Der Weg heraus begann auf dem Dach der alten Schule, wo eine Handvoll Leute eine Solaranlage aufschraubte und sich dafür zu einer Genossenschaft zusammentat, eine Stimme je Mitglied, unabhängig davon, wie viel Geld einer eingelegt hatte. Solche Genossenschaften gab es im Land seit über hundertfünfzig Jahren, an den meisten Orten als eine Sache neben vielen. In Greifenau wurden sie zur Hauptsache. Als der letzte Supermarkt schloss, machten sie einen Laden auf. Als Auswärtige die billigen Häuser aufkauften, holten sie das alte Kraftwerksviertel Haus für Haus zurück. Als die Pflege im Umland zusammenbrach, bauten sie das Wohnprojekt selbst.

Für Jonnes Generation war das Abstimmen so alltäglich wie für die davor das Kreuz alle vier Jahre. An der Anzeigetafel in der Halle stand jeden Morgen der Speicherstand und was am Abend zur Wahl stand, und die Leute lasen es im Vorbeigehen. Es zog sich oft. Über das Ladensortiment konnten zwei Abende vergehen, und im Frühjahr hatte ein Streit über die Sorte der Saatkartoffeln die halbe Stadt entzweit, bis jemand vorschlug, beide Sorten zu setzen und im Herbst nachzusehen, welche besser trug.

Die Frau, die noch keinen Bürgen hatte

Selma war im Frühjahr gekommen, aus einer Küstenstadt, die mit jedem Sturm enger und teurer geworden war, bis die Versicherungen bei der dritten Flut aufgaben und die Mieten trotzdem stiegen. In Greifenau fand sie eine kleine Wohnung am Rand und Arbeit im Genossenschaftsladen, und vom Sommer an saß sie in jeder Versammlung. Sie durfte reden, und sie redete gut. Beim Losen blieb sie außen vor, denn losen durfte, wer Mitglied war, und Mitglied wurde in Greifenau, für wen ein anderer einstand.

Ein Mitglied stellte sich in die Versammlung und sagte, ich stehe für diesen Menschen ein, und haftete mit, wenn der andere der Gemeinschaft schadete. Einmal fragte Selma Toni, mit der sie die Frühschicht teilte, ob sie sich so etwas vorstellen könne. Toni mochte sie, das spürte Selma jeden Tag. Toni sagte, sie habe vor zwei Jahren für ihren Bruder gebürgt und trage daran genug. Sie sagte es freundlich, und sie meinte es ehrlich, und es war ein Nein.

So ging das durch den Sommer. Selma übernahm die Frühschichten, weil sie ohnehin früh wach war. Sie brachte der alten Frau Doberenz zweimal die Woche die Einkäufe und blieb auf einen Kaffee, und Frau Doberenz erzählte ihr von der Stadt, von wem man sich fernhalte und wer wem helfe. Einmal, beim Abschied an der Tür, sagte sie, du gehörst doch eigentlich längst dazu, Kind, und Selma nickte und ging die Treppe hinunter und dachte an das Wort eigentlich, an dem alles hing.

In einer Versammlung im September schlug Selma vor, im Laden eine zweite Kühltruhe für die Erzeugnisse aus dem Umland aufzustellen. Der Vorschlag wurde besprochen und angenommen, und als darüber abgestimmt wurde, hoben ringsum die Mitglieder die Hand, und Selma saß zwischen ihnen mit den Händen im Schoß. Den einen Schritt, das Einstehen eines Bürgen, fand sie den ganzen Sommer nicht.

Das Brückenbuch

Greifenau kannte seinen blinden Fleck und hatte ein Amt dagegen. Hanne war die Brückerin. Sie führte ein Brückenbuch mit den Namen derer, die ohne Bürgen waren, und ihre Tage vergingen damit, Begegnungen zu stiften und Vorsichtige zu ermutigen. In den meisten Jahren brachte sie ein Dutzend Menschen in Bindungen, die hielten.

Bei Selma kam sie nicht weiter. Sie hatte sie in einen Kochkreis gebracht, in dem zwei mögliche Bürginnen saßen, ein netter Abend, der folgenlos blieb. Und sie war zu Reinhard gegangen, dessen Wort im Quartiersrat gezählt hätte. Reinhard hatte ihr auf seinem Balkon einen Kaffee eingeschenkt, hatte zugehört und den Kopf geschüttelt. Vor Jahren hatte er für einen charmanten Mann gebürgt, der die Werkzeugkasse der Werkstatt geplündert und die Stadt über Nacht verlassen hatte, und Reinhard hatte die Schuld Monat für Monat vom eigenen Anteil abgetragen. Seither hob er für niemanden mehr die Hand. Er kam zu den Versammlungen, er hatte im Oktober eine der südseitigen Wohnungen gezogen, er saß im warmen Kern der Stadt. Für einen anderen Menschen einstehen, sagte er und sah dabei in seinen Kaffee, das gehe nicht mehr.

Hanne ließ es bei Selma nicht bewenden. Im Spätherbst meldete sie den Fall beim Schwellenrat an, dem gelosten Dutzend, vor dem Greifenau über strittige Zugehörigkeiten verhandelte, ein Gericht ohne Angeklagten. Verhandelt wurde die Frage, was die Stadt einem Menschen schuldete, der ein Jahr mitgearbeitet hatte, ohne hereingelassen zu werden.

Der Winter, den die Stadt zusammen trug

Der knappe Winter kam mit einer Wucht, die ihn ins Gedächtnis der Stadt einbrannte. Eine Kältelage legte sich über Wochen über die Region, und mitten in der Kälte fiel einer der beiden großen Wärmetauscher des Quartiersspeichers aus. Das Ersatzteil hing in einer Lieferkette fest, die in einem solchen Winter überall im Land zugleich gebraucht wurde, und an einem Morgen Mitte Januar stand an der Anzeigetafel eine Zahl unter der roten Linie. Darunter reichte die Wärme nicht mehr für alle Wohnungen auf voller Stufe.

Was die Stadt durch jene Wochen trug, war eine Versammlung, und noch eine, und die Tage dazwischen. Die Greifenauer drehten ihre Wohnungen auf sechzehn Grad herunter und verlegten ihr Leben in die große, geheizte Halle, weil ein warmer Raum für hundert Menschen weniger verbrauchte als hundert einzeln geheizte Wohnungen. Tische wurden zusammengeschoben, die Schule machte ihren Unterricht dort, abends wurde gekocht für alle. Es roch nach Suppe und nassen Jacken, ein Säugling schrie sich durch die Nachmittage, und an den Fenstern lief das Schwitzwasser herunter.

Irgendwann zog auch der Hund der Pawliks in die Halle, ein fetter, halb blinder Mischling, der von Tisch zu Tisch ging, überall etwas abbekam und unter dem Klavier einschlief. Einmal trat ihm jemand auf den Schwanz, und er bellte, dass der Säugling erschrak. An einem anderen Abend stritten zwei Frauen leise und hartnäckig darüber, wer vor elf Jahren die Sache mit dem geliehenen Anhänger angefangen hatte, und kamen zu keinem Ende.

Zu denen, für die am warmen Ende ein Platz frei blieb, gehörte der alte Welsch, der seit dem Tod seiner Frau kaum noch sprach und seit Jahren kaum noch etwas beitragen konnte. Niemand fragte, was Welsch beitrug. Er war Mitglied, also bekam er seinen Teller und seinen Platz an der Wärme. Selma, die die Wärmestunden schrieb und morgens als Erste in der Halle stand, kam auf der Liste hinter den Mitgliedern, weil sie keines war.

Selma kannte aus der Küstenstadt die Logistik des Mangels. Sie schrieb die Schichten für die Duschen und das Wäschetrocknen und sorgte dafür, dass die alleinstehenden Alten zuerst drankamen. Zweimal geriet der Plan durcheinander, einmal standen zwei Familien zugleich vor der einen warmen Dusche und schrien sich an, bis Selma dazwischenging und neu sortierte. Birgit machte im Wohnprojekt Doppelschichten, weil die Alten die Kälte am schlechtesten vertrugen, und sie arbeitete in jenen Wochen neben Selma. Einmal, spät, schob Birgit ihr einen Becher Tee hin und sagte, gut, dass du da bist.

Tagsüber war die Halle warm. Nachts gingen die Familien in ihre heruntergedrehten Wohnungen zurück, und Birgits Wohnung im Nordflügel war die kälteste von allen. Ihre Kinder schliefen in Mützen, der Kleine kroch zu Jonne unter die Decke, und morgens stand das Eis innen am Fenster. Birgit ging um halb sechs zur Frühschicht und ließ sie schlafend zurück.

An einem dieser Abende trug Birgit ihr eigenes Holz vom Schuppen in den dritten Stock, zwei Gänge, nach einer Doppelschicht. Auf dem Hof kam ihr eines von Marlies Köhns Patenkindern entgegen, einen Korb Scheite für Marlies‘ kleinen Zusatzofen auf dem Arm, und nickte ihr freundlich zu. Marlies, achtundsiebzig, hatte ihr Leben lang für Menschen gebürgt, und nun schaute bei ihr jeden Tag jemand vorbei. Bei Birgit klopfte niemand.

Marlies steht auf

Der Schwellenrat tagte an einem Sonntagnachmittag Ende Januar in der vollen, warmen Halle. Das geloste Dutzend saß vorn, die Bürgerschaft füllte die Bänke, und Hanne trug Selmas Fall vor. Sie erzählte von einem Jahr Arbeit im Laden, von den Frühschichten und den Einkäufen für die Alten, von den Wärmestunden, die in diesem Winter liefen, weil Selma sie organisiert hatte. Und sie fragte den Schwellenrat, wie lange ein Mensch beweisen müsse, was längst bewiesen sei.

Der Rat hörte auch denen zu, die zögerten. Eine Frau aus dem gelosten Dutzend fragte, ob ein Jahr nicht kurz sei, und jemand aus den Bänken rief, er habe Selma die ganzen Wärmestunden über erlebt und das reiche ihm. Reinhard stand auf und erzählte, was alle kannten, vom charmanten Mann und der geplünderten Kasse und den Monaten, in denen er fremde Schuld getragen hatte. Eine Bürgschaft sei eine Haftung, sagte er, und Haftung verlange Vertrauen, und Vertrauen brauche Zeit. Dann setzte er sich und sah die übrige Zeit zu Boden.

Marlies hörte den Nachmittag lang zu, die Decke über den Knien. Erst als die Reden sich im Kreis zu drehen begannen, stand sie auf, und weil sie Marlies war, wurde es still. Sie kenne Selma kaum, sagte sie, aber sie habe in diesem Winter gesehen, wer in der Halle morgens als Erste stehe und abends als Letzte gehe. Ein Mensch, der eine Stadt durch den knappen Winter mit trage, gehöre für sie längst dazu, und wenn es eine Bürgschaft brauche, damit das amtlich werde, dann bürge eben sie. Sie hob die Hand, und ein warmes Murmeln ging durch die Halle, in dem die Zustimmung schon lag. Selma saß in der vierten Reihe und sah auf ihre Hände.

Was Birgit der Halle ins Gesicht sagte

Birgit hatte in der dritten Reihe gesessen, übermüdet, die Hände noch klamm von der Schicht. Als der Schwellenrat schon nicken wollte, stand sie auf, langsam, und brauchte einen Moment, bis die Worte kamen.

Sie freue sich für Selma, sagte sie. Und sie sehe heute, was diese Stadt ihren Leuten abverlange. Selma sei aufgenommen, weil sie gehandelt habe, das sei gut. Besiegelt aber sei es durch Marlies‘ Gunst, durch einen Einfall der Ältesten an einem Sonntag, und ihre eigene Hoffnung auf die südseitige Wohnung hänge seit acht Jahren am bloßen Zufall. Beides habe sie nie in der Hand gehabt. Eine Stadt, die ihre Wohnungen verlost und ihre Zugehörigkeit ans Vertrauen bindet, sei eine warme Stadt, sagte Birgit, und sie sei eine Stadt, in der ein Mensch das Wichtigste nicht einklagen könne. Ihre Großmutter habe von einer Zeit erzählt, in der Gerechtigkeit ein Recht gewesen sei, etwas mit einem Hebel dahinter. Greifenau habe den Hebel weggeworfen, mit Absicht, weil der einklagbare Anspruch eine Verwaltung gebraucht habe, die über Menschen urteilte. Sie verstehe das. Sie wolle nur, dass die Stadt einmal ausspreche, was der Tausch koste, bevor sie weiternicke.

Das Wärmerecht

Den ganzen Frühling stritten sie. Es begann mit dem Vorschlag einer Dringlichkeitsstufe, einer Regel, die das Los für Härtefälle gewichten sollte. An einem Abend stand eine junge Frau auf und sagte, sie wolle in keiner Stadt leben, in der jemand über die Dringlichkeit eines anderen Buch führe, denn dann sei das Urteilen über Menschen zurück. Am nächsten stand Birgit auf und fragte, ob ihre Kinder warten sollten, bis das Los gnädig werde. Beide hatten recht, und genau deshalb fand der Streit seine Lösung neben dem Los, statt in ihm.

Die Stadt traf eine Unterscheidung. Die südseitige Wohnung mit der Morgensonne ist ein Wunsch, beschloss sie nach jenem Frühling, und Wünsche bleiben dem Los überlassen. Eine warme Wohnung im Winter ist ein Bedarf, und Bedarf wird ein Recht. Greifenau schrieb ein Wärmerecht in seine Satzung, einen Boden, unter den kein Mitglied fällt, einklagbar vor dem Schwellenrat. Damit kam eine Sache in die Stadt zurück, die das Los aus ihr verbannt hatte. Wer ein Recht einklagte, musste seinen Bedarf nachweisen, und über den Bedarf urteilte jemand. Der Schwellenrat, der bis dahin über Zugehörigkeit verhandelt hatte, wurde zu der Stelle, die entschied, wessen Wohnung kalt genug war.

Im März stand Birgit vor dem Rat und legte ihren Bedarf dar. Sie nannte die Nachttemperaturen im Nordflügel und das Eis an der Fensterinnenseite, sie nannte die Mützen, in denen ihre Kinder schliefen, ihre Schichten und was am Monatsende übrig blieb. Das geloste Dutzend hörte zu und machte sich Notizen, und es saßen Leute darin, neben denen sie sonst in der Versammlung saß. Sie bekam ihr Recht. Der Nordflügel kam auf die erste Liste.

Im Sommer kamen die Handwerker und zogen Dämmung in die alten Mauern, und Jonne half ihnen die Säcke schleppen. Birgit hatte ihre warmen Wände. Eine von denen, die im Rat gesessen und mitgeschrieben hatten, war die Tochter der alten Frau Doberenz, und wenn Birgit ihr von da an im Laden begegnete, grüßten beide freundlich und hatten einander nichts mehr zu sagen.

Was danach geschah

Das Ersatzteil für den Wärmetauscher kam Ende Februar, an einem Tag mit elf Grad unter null, auf einem Laster, vor dem ein halbes Dutzend Leute stand und in die Hände klatschte. Zwei Tage später kreischte die große Fräse zum ersten Mal seit Wochen durch die Halle, und jemand buk Hefekuchen, obwohl kein Fest war, einfach weil es wieder ging.

Selma steht seither im Mitgliederverzeichnis. Im Sommer darauf hat sie zum ersten Mal selbst die Hand gehoben und für jemanden gebürgt, für eine Frau aus einer Stadt im Süden, die zu heiß geworden war. Marlies Köhn ist im übernächsten Winter gestorben, in ihrer Wohnung, und die Leute, für die sie eingestanden war, waren bei ihr. Der Nordflügel ist gedämmt, Birgits Kinder machen ihre Hausaufgaben am Küchentisch, ohne Decke um die Schultern.

Im Oktober danach zog Birgit zum neunten Mal mit. Ihre Nummer kam wieder nicht, und sie trug sich für das nächste Jahr ein, wie jedes Jahr. Jonne war fünfzehn geworden. Er hatte im Januar gesehen, wie seine Mutter in dieser Halle aufstand, müde, zwischen zwei Schichten, und sagte, was die Stadt ihren Leuten abverlangte, und im Sommer war der Nordflügel gedämmt worden. Den Zusammenhang zwischen dem einen und dem anderen hatte er sich gemerkt. Als an jenem Oktoberabend ein Neuer aus seiner Klasse keinen Bürgen fand, stand Jonne zum ersten Mal in der Versammlung auf und hob die Hand. Reinhard saß in der letzten Reihe, in seiner warmen Wohnung mit der Morgensonne, und als die Hände in den vorderen Reihen hochgingen, blieb seine auf dem Knie. Niemand sah hin. Die Halle roch nach nassem Holz und nach Hefekuchen, und die Trommel mit den Losen drehte sich.

Blogadmin, kritischer Zukunftsforscher und Realutopist. Mehr über den Blogansatz unter dem Menüpunkt Philosophie.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Back to Top