Partizipation 2026: Gut gescheitert

Der wunde Punkt meiner Arbeit liegt hinter dem letzten Flipchart. Eine Zukunftswerkstatt endet, die Wände hängen voll, die Energie ist hoch. Dann gehen alle zurück in ihren Alltag und der Rückübertrag der Erkenntnisse findet ohne mich statt. Ich bin außen vor. Ich hasse das.

Das Scheitern ist an dieser Stelle kein Betriebsunfall. Es ist im Verfahren angelegt: Partizipation wird als Ausnahmezustand organisiert, als Insel im Kalender. Inseln haben keine Brücke zum Montagmorgen. Daraus ließe sich ein weiteres Kapitel Partizipationskritik machen, die Regale sind voll davon. Ich will die Bewegung umkehren. Partizipation scheitert immer wieder. Genau dieses Scheitern zeigt, warum sie gut bis unumgänglich ist.

Die Protokolle des Scheiterns

Die Belege für das Scheitern liefern die Beteiligten selbst, schriftlich und mit Seitenzahl. Die Partizipationsstrategie des BMBF (2023) warnt vor „Pseudopartizipation“ und behält im selben Dokument die Kontrolle: Die Intensität der Beteiligung wählen die Verantwortlichen, die höchste Stufe des eigenen Modells, das Mitentscheiden, bleibt „in der Regel“ ausgeklammert (S. 4, 7 und 19). Das Positionspapier aus der Partizipationsforschung (2019) diagnostiziert eine fast inflationäre Verbreitung partizipativer Verfahren bei erheblichen Qualitätsmängeln und warnt davor, dass Beteiligung zur „Akzeptanzbeschaffung“ verkommt (S. 1 und 3). Und das Konzeptwerk Neue Ökonomie, das für „Zukunft für alle“ (2020) zwölf Zukunftswerkstätten nach Robert Jungk mit knapp 200 Beteiligten durchführte, protokolliert im Methodenkapitel die eigene Milieu-Enge: Das Team sei „ähnlich positioniert und privilegiert“ und laufe Gefahr, „Herrschaftsverhältnisse zu reproduzieren“ (S. 102).

Wer hier nur Defizite liest, überliest, wer da spricht. Diese Protokolle sind Produkte der Partizipation selbst. Eine Expertenkommission muss ihre Zusammensetzung selten rechtfertigen; partizipative Verfahren haben sich diese Rechenschaftspflicht selbst auferlegt. Gescheitert wird also an Maßstäben, die partizipative Praxis überhaupt erst gesetzt hat. Ruth Levitas sagt über Utopien, sie scheiterten notwendig und wirkten gerade dadurch als Kritik und Neuentwurf (2013, S. 220). Für Partizipation gilt dasselbe, mit einer Präzisierung: Nicht jedes Scheitern ist gleich. Ein Experiment, das schiefgeht, kann Ausdruck einer Lernkultur sein. Ein dokumentierter Ausschluss ist zunächst nur ein Ausschluss mit Fußnote; zur Lernleistung wird er, sobald die nächste Werkstatt anders zusammengesetzt ist. Die Linie von Arnsteins Beteiligungsleiter (1969) über das Positionspapier (2019) und die BMBF-Strategie (2023) bis zum PartWiss-Leitfaden (2025) ist darum zunächst eine Lernkurve der Maßstäbe: Scheinpartizipation hat heute einen Namen, der Unterschied zwischen eingeladener und uneingeladener Beteiligung ist benennbar (PartWiss, S. 33). Ob die Praxis ihren gewachsenen Maßstäben folgt, bleibt die offene Flanke. Und ob die routinierte Selbstkritik irgendwann selbst zur Legitimationsgeste wird, wäre die nächste kritische Frage. Eine Praxis aber, die sich solche Fragen gefallen lässt, steckt in keiner Krise. Sie hebt ihren eigenen Maßstab.

Zukunft machen ohnehin alle

Warum also an ihr festhalten, über das bloße Weiter-Verbessern hinaus? Weil die Alternative eine Illusion ist. Ruth Levitas beschreibt ihre Utopie-Methode als etwas, das sie gar nicht erfunden hat: Die Methode sei „already in use whenever and wherever people individually or collectively consider what the future might bring and how humans might choose to shape it“ (2013, S. 218). Menschen imaginieren Zukunft ohnehin, am Küchentisch, in Redaktionen, in Ministerien. Dieses Vermögen ist universell. Partizipation beginnt einen Schritt später: bei der Möglichkeit, die eigene Imagination gesellschaftlich wirksam zu machen. Diese Möglichkeit ist höchst ungleich verteilt, der Nesta-Report „Our Futures“ (2019), an dem Jose Ramos mitgeschrieben hat, nennt die Verteilung von Zukunftskompetenz „grossly imbalanced“. Verfahren entscheiden, wessen Imagination in Entscheidungen übersetzt wird und wessen am Küchentisch bleibt. Eine partizipationsfreie Zukunftsarbeit gibt es darum nur als Selbsttäuschung derer, die ihre eigenen Bilder für neutral halten.

Daraus folgen drei Argumente, die der Report ausbuchstabiert. Epistemisch: Diverse Gruppen verringern blinde Flecken, gerade bei neuen Technologien. Demokratisch: Ohne Beteiligung kolonisieren wenige Akteure den Möglichkeitsraum aller. Legitimatorisch: Beteiligung schafft Koalitionen, die Wahlzyklen überdauern. Levitas setzt den Schlussstein: „Explicit alternative scenarios for the future are fundamental to any kind of democratic debate“ (S. xviii). Partizipative Zukunftsarbeit ist Demokratie in der Zeitdimension.

Und sie funktioniert, in einem präzisen Sinn. Marie Heidingsfelders Dissertation zu Design Fiction (2018) zeigt, dass Bürgerinnen und Bürger zwischen 12 und 82 Jahren ihre Bedarfe in Prototypen übersetzen können und dass diese Objekte öffentliche Debatten auslösen. Belegt ist damit die Beteiligungsfähigkeit. Die langfristige Wirkung bleibt dagegen offen, der Nesta-Report selbst räumt ein, dass partizipative Zukunftsmethoden bisher selten gründlich evaluiert wurden. Das ist kein Einwand gegen das Argument, es ist mein Problem vom Anfang in empirischer Form: Was nach dem Verfahren kommt, ist am wenigsten erforscht. Heidingsfelders überraschendster Befund entlastet die Debatte trotzdem: Die Beteiligten wollen frühen Dialog über wünschenswerte Zukunftsbilder, Entscheidungsmacht über Forschung lehnen sie ab (S. 199). Die Messlatte guter Beteiligung wäre dann Urteilskraft, früh eingebracht und ernst genommen. Dazu gehört die materielle Seite, an die Levitas erinnert: Zeit und Existenzsicherung machen Teilhabe erst möglich (S. 205). Wer Verfahren plant und über Ressourcen schweigt, plant die Ausschlüsse mit.

Klein scheitern, weiterbauen

Bleibt mein Problem vom Anfang: der Rückübertrag. Genau hier setzt Jose Ramos an, der Foresight mit der Tradition des Participatory Action Research verbindet, mit Fals Borda und Freire also: Wissen entsteht im verändernden Handeln der Betroffenen selbst, Forschung und Aktion fallen zusammen. Sein programmatischer Titel: „Linking Foresight and Action“ (2017). Ramos‘ Futures Action Model endet darum erst hinter dem Szenario. Es mündet in eine Initiative, die „organic to the community“ ist (2013), also in der Gemeinschaft verankert, deren Zukunft verhandelt wurde. Seine Anticipatory Experimentation Method macht den Rückübertrag zum eigenen Verfahrensschritt: Experimente als kleine Stücke der bevorzugten Zukunft in der Gegenwart, bewusst so angelegt, dass sie sicher scheitern dürfen. Das Scheitern wird eingeplant statt gefürchtet. Good enough for now, safe enough to try. Das Experiment allein beantwortet die Machtfrage allerdings noch nicht. Wer darf den Versuch anstoßen, wem gehören die Ergebnisse, wer entscheidet über Ressourcen und Fortsetzung? Erst mit diesen Antworten wird aus dem Rückübertrag Beteiligung an der Verwirklichung.

Wie groß die Lücke ist, die Ramos schließt, zeigt ein Blick in die Werkzeugkästen: Alves, Gonçalves und Ferreira untersuchen acht gängige Futures-Toolkits und finden Denkhilfen ohne Handlungsteil, „not helping to make anything“ (S. 4). Und wie die Machtfragen beantwortet aussehen, zeigt das Gegenmodell am fernen Horizont. Bei den Zapatistas ist Partizipation Lebensform statt Termin: „Gehorchend Befehlen“, Ämterrotation im Wochentakt, eigene Bildungs- und Gesundheitsstrukturen (Zimmering 2010, S. 41 ff.). Anstoß, Ergebnisse und Ressourcen liegen bei denselben Leuten, die auch die Folgen leben. Der Rückübertrag entfällt, weil der Alltag selbst das Verfahren ist. Als Vorlage für hiesige Förderlandschaften taugt das nicht, als Fluchtpunkt schon: Je näher Partizipation am Alltag der Beteiligten gebaut wird und je mehr Entscheidungsmacht beim Experiment liegt, desto weniger bleibt zurückzuübertragen.

Hinter dem letzten Flipchart

Was folgt daraus für mich? Wenn das Scheitern im Rückübertrag angelegt ist, gehört der Rückübertrag ins Verfahren. Eine Werkstatt wäre dann erst zu Ende, wenn das erste kleine Experiment im Alltag der Beteiligten steht: klein genug zum Scheitern, konkret genug zum Lernen. Das verändert auch meinen Auftrag, vom Moderieren eines Ausnahmezustands zum Mitbauen an seiner Fortsetzung.

Eine Frage stelle ich mir dabei selbst: Wie viel von meinem Ärger über das Außen-vor-Sein ist Sorge um die Erkenntnisse und wie viel ist die Eitelkeit des Moderators, der gebraucht werden will? Ich weiß es noch nicht. Fürs Erste nehme ich mir das Überprüfbare vor: die nächste Werkstatt so anzulegen, dass der erste Alltagsversuch schon Teil des Auftrags ist, nicht erst meine Hoffnung danach.

Quellen

  1. Ruth Levitas: Utopia as Method. The Imaginary Reconstitution of Society. Palgrave Macmillan 2013.
  2. Marie Lena Heidingsfelder: Zukunft gestalten. Design Fiction als Methode für partizipative Foresight-Prozesse und bidirektionale Wissenschaftskommunikation. Dissertation, Universität der Künste Berlin 2018.
  3. Konzeptwerk Neue Ökonomie (Kai Kuhnhenn, Anne Pinnow, Matthias Schmelzer, Nina Treu): Zukunft für alle. Eine Vision für 2048. oekom 2020.
  4. Bundesministerium für Bildung und Forschung: Partizipationsstrategie Forschung. Berlin 2023.
  5. Andreas Bischof (Hg.), Philipp Schrögel: Ein Leitfaden für Partizipation in der Forschung. PartWiss 2025.
  6. Positionspapier: Einsatz partizipativer Verfahren in Nachhaltigkeits- und Transformationsstudien. Werkstattgespräch Partizipation, Universität Bremen 2019.
  7. Raina Zimmering: Die Zapatistas in Mexiko. WeltTrends Papiere 13, Universitätsverlag Potsdam 2010.
  8. Hernâni Alves, Eduardo Gonçalves, Ana Margarida Ferreira: A Participatory Speculation Toolkit for Co-Designing with Rural Communities. Design Commit Proceedings.
  9. José Ramos: Forging the Synergy between Anticipation and Innovation: The Futures Action Model. Journal of Futures Studies 18 (1), 2013.
  10. José Ramos: Linking Foresight and Action: Toward a Futures Action Research. In: The Palgrave International Handbook of Action Research, 2017.
  11. José Ramos: Mutating the Future: The Anticipatory Experimentation Method. Action Foresight.
  12. Nesta (mit José Ramos): Our Futures. By the people, for the people. London 2019.

Blogadmin, kritischer Zukunftsforscher und Realutopist. Mehr über den Blogansatz unter dem Menüpunkt Philosophie.

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