Masterarbeit angemeldet: Was jetzt? Forschungstagebuch Teil 2

Nachdem ich locker neun Monate mit der Idee schwanger ging, eine Theorie der Zukunftsgestaltung zu entwickeln, die das Buzzword mit leben füllt, habe ich nun angemeldet. In diesem lockeren Tagebuch teile ich meine Überlegungen zum Titel, einigen Gesprächen rund um die Masterarbeit, erste Schritte und Corona.

Hier geht’s zu allen bisherigen und folgenden Teilen des Forschungstagebuchs. Falls du, wie ich, etwas autistisch bist und gerne in der korrekten Reihenfolge liest.

Der Titel meiner Masterarbeit

“Zukunftsgestaltung. Entwurf einer kritischen Handlungstheorie basierend auf kritischer Zukunftsforschung und realen Utopien.”

Er entstand in einem entspannten Mailverkehr mit meinem Ersprüfer. Klar war mir da bereits, dass ich eine Theorie der Zukunftsgestaltung entwickeln möchte. Auch klar, war dass das theoretische Fundament dafür kritische Zukunftsforschung und reale Utopien sein sollen. Warum?

Kritische Zukunftsforschung macht für mich das, was gute Zukunftswissenschaft leisten muss – nämlich zu hinterfragen, wie wir über Zukunft nachdenken. In dieser Nische gibt es ein paar englischsprachige Werke, die nach meinem Empfinden in der deutschsprachigen Community viel zu wenig rezipiert werden. Diese möchte ich einführen. Kurz: Hier entsteht die theoretische Grundlage der Arbeit.

Reale Utopien nach Erik Olin Wright bilden hingegen die andere Seite der Medaille ab – nämliche zunächst paradox anmutende Kombination der Utopie mit deren Realisierung. Nach Polak wissen wir, dass die Zukunft zieht. Wenn aber Utopien real werden und als erfassbares Artefakt reflektiert werden kann, dann zieht das doppelt. Mindestens.

Was aber ist eine kritische Handlungstheorie? Das bildet den Aspekt ab, dass meine zu entwickelnde Theorie darauf eingehen soll, wie Individuen zu emanzipiert Handelnden werden. Welche transdisziplinären (soziologisch, psychologisch, etc.) Erkenntnisse liegen dazu bereits vor? Und: Was ist überhaupt ein Individuum?

Das ist das Thema meiner Masterarbeit. Ich habe also dieses Thema angemeldet. Jetzt brauchte ich erstmal etwas Input zur Ordnung des Status Quo. Dabei waren vier Gespräche besonders hilfreich.

Prüfer und Gespräche

Prof. Dr. Reinhold Popp hatte ich bereits in mehreren Vorlesungen erlebt. Ich schätzte ihn für seine direkte, empathisch-resonante Art, den psychologischen Zugang zu Zukunftsforschung und die von ihm herausgegebenen extrem wertvollen Sammelbände zum Thema. Unser Gespräch dauerte statt einer angesetzten Stunde beinahe 2,5. Der intensive Austausch flowte in verschiedenste Richtungen, während ich zwei Seiten mitschrieb. Im Anschluss hatte ich das Gefühl, dass ich ihn besser verstanden habe – und er meinen Ansatz. Auch wurde mir immer klarer, wie ich eine solche Theorie wissenschaftlich herleiten kann.

Von Dr. Bruno Gransches Dissertation “Vorausschaundes Denken” – eine Annäherung von Philosohpie und Zukunftsforschung – war ich schon während des Studiums extrem angetan. Auch wenn der Philosoph kein Lehrauftrag an der FU hat – bisher. Ich fragte ihn relativ kurzfristig an, ob er sich eine Zweitbetreuung vorstellen konnte. Nachdem er mir am Telefon, basierend auf dem Titel meiner Arbeit, ziemlich genau erklärte, was ich vor habe, war ich sofort begeistert. Als er dann noch ergänzte, dass er gerade zwei Veröffentlichungen zum Thema vorbereitet und außerdem gern immer mal für telefonischen Austausch zur Verfügung steht, war das Ding durch. Perfekt! Externe, philosophische Reflexion im Prozess ist das beste, was ich mir vorstellen konnte…

Auch Lukas Kuster sprach ich relativ kurzfristig an. Der Doktorand des, neben Armin Grunwald, wohl bedeutendsten deutschen Zukunftsforschers Harald Welzer, forscht laut Profil an einem mir sehr ähnlichen Thema. Wir trafen uns für ein ausführliches Gespräch, in dem ich meinen (und hoffentlich auch seinen) Ansatz sehr gut reflektiert bekam. Ich ging bestärkt in der “Radikalität” meiner Arbeit, die zwar im Gespräch teils aneckte, aber zumindest für nachvollziehbar gehalten wurde, nach Hause. Schöner Kontakt! Gerne wieder.

Meine Kommilitone Johannes Kleske hatte eben seine extrem starke Abschlussarbeit zu Future Imaginaries abgegeben. Bei einer leckeren, veganen Pizza von Bye Bye Cavaliere bestärkte er mich in meiner Vorgehensweise erstmal viel von dem vorherigen Research aufzuarbeiten. Dann Schleifen drehen, aber auch darin nicht zu viel in einer zu wollen. Mögliche Interviews eher nur, wenn es nötig ist – lieber mehr Fokus und mehr durchdenken als sich zu überfrachten.

Nächstes Ziel: Reflexionsmaße 

Dementsprechend ging ich dann von den Gesprächen über ins Handeln. Ich packte alle meine (Vor-)Überlegungen, Notizen und zum Thema passende Erkenntnisse bisheriger Forschungen in eine, sich im Prozess überarbeitende Gliederung basierend auf dem Expose (siehe erster Teil Forschungstagebuch). Das Ziel: Reflexionsmaße – nach innen und außen. Etwas, worüber es sich nachzudenken lohnt. Eine Selbsteinladung in die Tiefe.

Zweifel und Corona

Ich hab schon so viel geresearched und im Studium gelesen. Jedoch: Wie passt das alles zusammen? Ist das wissenschaftlich genug? Wie entsteht eine Theorie? Zweifel im Prozess sind für mich selbstverständlich und begleiten mich tagtäglich.

Und zudem: Einen klaren Zeitplan gibt es nicht. Eigentlich wäre der 04. August mein Abgabetermin gewesen. Wegen Corona haben nun alle Bibliotheken geschlossen und wir haben keine klare Deadline mehr.

Trotzdem freue ich mich auf den Termin mit Dr. Gransche am 7.5. – dort wird mir meine Gliederung und Reflexionsmaße gespiegelt. Es wird spannend!

Blogadmin, Zukunftsforscher und praktischer Tranfsformationsagent bei Kiezbett. Mehr über den Blogansatz unter dem Menüpunkt Philosophie.

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