Wie gestalte ich Zukunft? Forschungstagebuch Teil 4

Nach vielen, vielen wissenschaftlichen Texten und einer groben Klarheit, worauf ich in meiner Masterarbeit hinaus will, versuche ich in diesem Teil des Forschungstagebuchs in einfachsten Worten zu erklären, was ich mir – Stand heute – unter Zukunftsgestaltung vorstelle. Sozusagen als Vorstufe, um das dann auch in komplizierteren Worten und mit dutzenden von Quellen nachzuweisen und alles noch konkreter zusammen zu denken. 

Hier geht’s zu allen Teilen des Forschungstagebuchs. Falls du, wie ich,
etwas autistisch bist und gerne in der korrekten Reihenfolge liest.

Die primäre Aufgabe von Zukunftsforschung ist es, alternative Zukunftsbilder – also sinntragende Repräsentationen zukünftiger Ereignisse, Entwicklungen und Zustände – zu entwickeln. Menschen orientieren sich in ihren Handlungen an, oftmals auch impliziten, Zukunftsbildern. Implizit heißt: Der rationale Teil unseres planenden Gehirns denkt er wüsste, was er tue, aber der irrational tickende Teil lenkt das Ganze. Wir wissen oft nicht, wieso wir wollen, was wir wollen. Umstritten ist dabei, ob das, was man immer tut, als Handlung bezeichnet werden kann.

Um also wirklich ins Handeln zu kommen, braucht es Zukunftsbilder am Rande des Horizonts des Möglichen. Sie zeigen, wie alternative Welten aussehen könnten. Reale Utopien sind Beispiele dafür. Sie nehmen die Welt, wie sie sein könnte, vorweg und legen Zeugnis davon ab, dass Produkte, Dienstleistungen oder Arten des Miteinander-Seins im Kleinen ohne dramatische Nebenfolgen möglich sind. 

Es gibt jedoch keine “Handlungsanweisungen” für reale Utopien, sondern viele Varianten davon. Manche sind näher am Staat verortet, andere gehen aus Kollektiven oder Startups hervor, manche werden von Konzernen co-finanziert. Die Utopie der einen guten Welt, dessen Naturzustand herzustellen wäre, gibt es nicht. Utopien sind immer mehrdeutig. 

Und sie beginnen bei uns selbst. Wenn wir uns keine Alternativen vorstellen können, können wir nicht danach handeln. Wenn wir neben unserer Fantasie keine andere Fantasie dulden, sind wir totalitär. Das heißt wir müssen uns selbst hinterfragen, um die impliziten Zukunftsbilder zu heben und eigenen Sichtweisen und Glaubenssätzen mit Alternativen, keinesfalls nur rational, abwägen zu können. 

Dafür stehen einige Hilfsmittel bereit. Zwei von dutzenden möglichen Ansätzen seien hier anskizziert: 
1. Das innere Kind: Welche gelernten Zuschreibungen und nicht erfüllten Bedürfnisse wiederholen wir immer wieder? Wollen wir diese “monomythischen” Erzählungen über uns selbst hinterfragen? 
2. Causal Layered Analysis: Wie verknüpfen wir die Ebenen von “Fakten”, Zusammenhängen, Weltsicht und Mythos? Können wir die tieferliegenden Ebenen überhaupt ansteuern und vielleicht sogar mit alten Annahmen spielen und dadurch alternativ mögliche Zukunftsbilder entwickeln?  

Mit solchen Hilfsmitteln gilt es einen Kern an Kritik zu entwickeln, in der das jeweils auszugestaltende Zukunftsbild als gut genug für jetzt und sicher genug zum ausprobieren gilt – in Abgrenzung zu aktueller Zukunftsgestaltung. Denn: Aktuelle Herrschaftsverhältnisse, geprägt durch explizite und implizite Regeln, sorgen für eine Wiederkehr des immer Gleichen, leicht modifiziert zum Vorteil relativ weniger. Die aktuellen Systemlogiken sorgen für die Verengung unserer Sichtweise auf wahrscheinliche Zukunftsbildern, in denen diese kurzfristig profitieren. In solch einer Weltkonstruktion besteht unsere scheinbar unbegrenzte Freiheit darin, zwischen verschiedenen Konsumgütern zu wählen. Es ist die einzig verwirklichte Utopie, die sich überall durchgesetzt hat: Friedrich August von Hayeks alternativlose Marktgläubigkeit. 

Gibt es keine Utopie, gibt es kein Handeln, gibt es keine Kritik an der Utopie wird sie Teil der alternativlosen Utopie und damit Dystopie. 

Entsprechend der Feststellung, dass bestehende Institutionen erstarrt sind und uns nicht retten werden, gilt es, konsequent bei sich selbst anzufangen, um nicht zum hoffnungslosen Zyniker zu verkommen. Diese Unterwerfung sollte eigentlich keine Option sein, denn reale Utopien zeigen, dass es besser geht. 

Es ergeben sich drei Fragen an mich: 
1. Unter welchen Krisen leide ich in dieser Welt?
2. Warum leide ich darunter bzw. woher kommt dieses Leiden in mir? 
3. Wie könnte meine reale Utopie aussehen, die dieses Leiden lindert? 

“Ich glaube, dass ich wahre Kontrolle nur über eines habe: Über den Fortschritt meiner Erkenntnis.” (Spinoza) 

Dabei können wir nicht wissen, ob sich unsere Utopie durchsetzt bzw. ob die Zeit schon reif dafür ist. Wir wissen aber, dass das, was für andere nicht erfahrbar ist, immer nur als Hirngespinst in uns leben kann. Deswegen gilt es sich mit den Menschen zu solidarisieren, die es versuchen und mit ihnen das (auch kritische) Wissen zu teilen, das uns zur Verfügung steht. Auf diesem Weg werden wir viel Resonanz und Selbstwirksamkeit erfahren.  

Zukunftsgestaltung heißt demnach theoretisch-wissenschaftlich und individuell-praktisch alternative Zukunftsbilder zu entwickeln, in Frage zu stellen und mit anderen zu teilen. Dadurch werden sie umsetzbar. Zukunftsgestaltung besteht darin, das eigene Wünschbare in einem offenen Prozess aus dem Unmöglichen in eine Utopie zu überführen und diese Utopie in der Folge immer mehr an das Mögliche anzunähern. Da das Ergebnis des Prozess unabsehbar bleibt, schwenkt der Fokus auf das “Wie” des Gestaltens und auf die Offenheit, die wiederum durch die Kritik an der Alternativlosigkeit beschränkt wird. 

Damit wäre quasi ausgeschlossen, dass unsere heutige Utopie in der Zukunft real wird und quasi garantiert, dass wir viel dazu lernen. Über uns, die Welt und die Dinge, die uns wirklich interessieren. Wie könnte ein Leben erfüllter sein?

Blogadmin, Zukunftsforscher und praktischer Tranfsformationsagent bei Kiezbett. Mehr über den Blogansatz unter dem Menüpunkt Philosophie.

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