Der innere Markt: Wie Esoterik Selbstoptimierung zur Ersatzreligion macht

Dieser Text ist eine Co-Produktion von Jonas Drechsel und Claude. Die Recherche, Strukturierung und argumentative Ausarbeitung entstanden im Dialog zwischen menschlicher Zukunftsforschungs-Expertise und KI-gestützter Textproduktion.

Scrolle durch LinkedIn und du findest sie: Posts über die Morgenroutine, die alles verändert hat. Fünf Uhr aufstehen, kalte Dusche, Journaling, Meditation. Der Subtext ist immer derselbe – Erfolg ist eine Frage der Disziplin, und Disziplin beginnt vor Sonnenaufgang. Scrolle durch Instagram und du findest die spirituelle Variante: „You are the creator of your reality.“ „Your vibe attracts your tribe.“ „Abundance is your birthright.“ Die Ästhetik ist softer, die Botschaft dieselbe – dein Leben ist das Produkt deiner inneren Einstellung.

Zwischen LinkedIn-Produktivität und Instagram-Spiritualität liegt kein Widerspruch. Es sind zwei Dialekte derselben Sprache. Beide behandeln das Innenleben als den entscheidenden Schauplatz. Beide verschieben Verantwortung von Strukturen auf Individuen. Beide laden ein, an sich zu arbeiten statt an den Verhältnissen.

Einige Begriffe: Eine Bestandsaufnahme

Mindset, positive Psychologie, Morgenroutinen, Manifestation – diese Begriffe klingen unterschiedlich, bezeichnen aber Varianten derselben Grundbewegung. Mindset geht auf Carol Dwecks Forschung zurück, die zwischen „Growth Mindset“ und „Fixed Mindset“ unterschied. Die ursprüngliche These war bescheiden: Wer glaubt, dass Fähigkeiten entwickelbar sind, lernt anders als jemand, der sie für angeboren hält. In der Popularisierung wurde daraus etwas anderes. Mindset wurde zur Erklärung für Erfolg und Misserfolg schlechthin. Die Verschiebung ist subtil: Aus „Lernhaltung hilft beim Lernen“ wird „Wer scheitert, hat falsch gedacht.“

Positive Psychologie, akademisch bei Martin Seligman durchaus differenziert, verkürzt sich im Mainstream zu „Think positive“. Seligman selbst warnte vor dem, was später „toxic positivity“ heißen sollte. Aber was in Ratgebern und Instagram-Posts ankommt, ist eine Version, die negative Emotionen pathologisiert – statt sie als angemessene Reaktionen auf schwierige Umstände zu verstehen. Wut über Ungerechtigkeit wird zum Mindset-Problem.

Morgenroutinen – der 5-AM-Club nach Robin Sharma, Cold Showers nach Wim Hof, Journaling nach „The Artist’s Way“ – folgen einer spezifischen Logik: Erfolgreiche Menschen tun X am Morgen, also führt X am Morgen zu Erfolg. Eine klassische Verwechslung von Korrelation und Kausalität. Wer um fünf Uhr aufstehen kann, um an sich zu arbeiten, hat häufig bereits die materiellen Bedingungen, die Erfolg wahrscheinlicher machen: keine Nachtschicht, keine pflegebedürftigen Angehörigen, keine zwei Jobs, kein Kind, das um sechs geweckt werden muss.

Manifestation macht die Prämisse explizit, die in den anderen Begriffen implizit bleibt: Gedanken erschaffen Realität. „The Secret“, Rhonda Byrnes Bestseller von 2006, behandelt das Universum wie einen kosmischen Versandhandel – bestelle mit der richtigen Intention, und die Lieferung kommt. Armut, Krankheit, Einsamkeit werden zu Manifestationsfehlern. Du hast nicht falsch gehandelt, du hast falsch geschwungen.

Was heißt hier esoterisch?

Der Begriff Esoterik wird oft als bloßes Schimpfwort verwendet. Das verstellt den Blick auf das, was ihn analytisch brauchbar macht. Etymologisch bedeutet „esoterikós“ schlicht „nach innen gerichtet“ – Wissen für einen inneren Kreis, im Gegensatz zu exoterischem, öffentlich zugänglichem Wissen. Die erste Bedeutungsschicht ist also: verborgenes Wissen, das nicht allen zugänglich ist, sondern erworben, oft erkauft werden muss.

Interessanter ist die ontologische Dimension: Esoterische Weltanschauungen teilen eine spezifische Annahme über die Struktur der Realität. Sie postulieren eine unsichtbare Kausalebene, die hinter oder unter der sichtbaren Welt liegt und diese steuert. Ob Astrologie (Sternkonstellationen wirken auf irdisches Geschehen), Magie (Rituale beeinflussen Materie) oder Manifestation (Gedanken formen Realität) – die Struktur ist identisch: Es gibt verborgene Gesetze, die wichtiger sind als die sichtbaren.

Das Gegenprogramm wäre Materialismus im philosophischen Sinn: Die materielle Welt ist primär, Bewusstsein ist ein Produkt materieller Bedingungen, nicht umgekehrt. Marx‘ Formel dazu: „Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein bestimmt, sondern ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.“ Esoterik invertiert genau das. Bewusstsein bestimmt Sein.

Das innere Markt-Konzept

Hier wird die Verbindung zum Ökonomischen sichtbar. Die Selbstoptimierungskultur behandelt das Selbst wie einen Wirtschaftsraum, der gemanagt werden muss. Die Ressourcenlogik zeigt sich in der Alltagssprache: „Wo investierst du deine Energie?“ „Das kostet mich zu viel.“ „Ich muss meine Batterien aufladen.“ „Ich habe gerade keine Kapazitäten.“ Energie, Aufmerksamkeit, Willenskraft werden zu knappen Gütern, die klug eingesetzt werden müssen. Das Selbst als Haushalt, der bilanziert werden will.

Dann die Produktionslogik: Das Selbst soll Output generieren. Nicht sein, sondern performen. Morgenroutinen sind Produktionssteigerungsprogramme für das Ich. Bücher wie „Atomic Habits“ oder „The 4-Hour Workweek“ rahmen das Leben als Effizienzproblem. Der Mensch als Unternehmen, das seine Prozesse optimiert. Schließlich die Wettbewerbslogik: Permanenter Vergleich, nicht nur mit anderen, sondern mit früheren und möglichen Versionen des eigenen Selbst. „Be the best version of yourself“ ist ein Wettbewerb, bei dem du gegen dich selbst antrittst – und strukturell nie gewinnen kannst, weil die beste Version immer eine zukünftige bleibt.

Die esoterische Aufladung

Der innere Markt allein wäre schon problematisch genug. Aber er wird zusätzlich spirituell überhöht – und das macht ihn schwerer kritisierbar.

  1. Die Sakralisierung der Marktlogik: Selbstoptimierung wird zum spirituellen Pfad. „Doing the work“ ist nicht Arbeit, sondern Praxis. Der Coach ist nicht Berater*in, sondern Lehrer*in auf dem Weg. Das nächste Level ist nicht Karriere, sondern Bewusstseinsstufe. Dieselben Tätigkeiten, aber eingebettet in einen Rahmen, der sie der profanen Kritik entzieht.
  2. Transzendenz durch Konsum: Retreats auf Bali, Coaching-Ausbildungen für fünfstellige Beträge, Masterclasses von selbsternannten Thought Leaders – sie versprechen nicht nur Skills, sondern Transformation. Die Grenze zwischen Produktkauf und spiritueller Initiation verschwimmt. Wer kritisiert, dass ein „Abundance Mindset Workshop“ 3.000 Euro kostet, hat offenbar selbst noch Blockaden rund ums Geld.
  3. Die Naturalisierung: Der innere Markt erscheint nicht als historisches Produkt einer spezifischen Wirtschaftsordnung, sondern als kosmisches Gesetz. „The universe“ selbst operiert nach Investitionslogik – was du gibst, bekommst du zurück. Karma als Return on Investment. Abundance als Rendite richtiger innerer Einstellung.

Die Esoterik macht den inneren Markt unsichtbar als Markt. Sie lässt Marktlogik als spirituelle Wahrheit erscheinen. Und umgekehrt: Der Markt gibt der Esoterik eine Struktur, die im Spätkapitalismus anschlussfähig ist – messbar, skalierbar, verkaufbar.

Die Hierarchie der Bewusstseinsstufen

Hier wird es politisch brisant. Denn die esoterische Rahmung führt Hierarchien ein, die strukturelle Kritik delegitimieren. Spiral Dynamics, Integral Theory, diverse Entwicklungsmodelle – sie alle ordnen Menschen auf einer Skala an. Wer nicht mitmacht bei der Selbstoptimierung, ist nicht einfach anders, sondern weniger entwickelt. Die Forderung nach Umverteilung wird zum Symptom einer niedrigeren Bewusstseinsstufe. Wer über Mindestlohn diskutiert statt über Money Mindset, denkt eben noch in „Mangelbewusstsein“.

Das pathologisiert Widerstand. Strukturkritik erscheint als Ausdruck mangelnder persönlicher Entwicklung. Die Klassengesellschaft wird durch eine spirituelle Hierarchie nicht ersetzt, sondern ergänzt und legitimiert. Die vollständige Operation lautet: Esoterik macht das Innere marktfähig, nennt das Bewusstseinserweiterung und delegitimiert damit strukturelle Politik als spirituelle Unreife.

Was fehlt: Die materielle Frage

Die Coaching-Industrie boomt in einer Zeit, in der Mieten schneller steigen als Löhne, in der prekäre Beschäftigung zunimmt, in der ein Krankenhausaufenthalt in den USA zum Bankrott führen kann und in Deutschland die Wartezeit auf einen Therapieplatz Monate beträgt. Die Frage ist nicht, ob Menschen Unterstützung brauchen – sie brauchen sie offensichtlich. Die Frage ist, welche Art von Unterstützung.

Ein Grundeinkommen von 2.000 Euro würde Existenzangst reduzieren, ohne dass jemand sein Money Mindset transformieren muss. Ein Mindestlohn von 20 Euro würde Arbeit aufwerten, ohne Fragen nach der richtigen Morgenroutine. Beides setzt keine innere Entwicklung voraus. Beides fragt nicht nach Bewusstseinsstufen. Beides wirkt materiell – und nützt allen außer denen, die von billiger Arbeit und entpolitisierten Arbeitenden profitieren.

Psychologische Unterstützung kann wertvoll sein. Aber sie funktioniert besser, wenn die materiellen Grundlagen stimmen. Therapie hilft bei Depressionen; entstehen diese aus Existenzangst, ist Existenzsicherung der wirksamere Hebel. Die Verhältnisse zu ändern ist keine Alternative zur inneren Arbeit, sondern häufig deren Voraussetzung.

Den inneren Markt erkennen

Der innere Markt operiert durch Sprache. Ein paar Fragen, die seine Logik sichtbar machen: Behandelst du deine Gefühle wie Ressourcen, die gemanagt werden müssen? „Ich habe gerade keine Kapazitäten für dieses Gespräch.“ „Das kostet mich zu viel Energie.“ „Ich muss in meine Selbstfürsorge investieren.“ Solche Sätze sind so normalisiert, dass ihr ökonomischer Kern kaum noch auffällt. Energie ist keine Währung. Beziehungen sind keine Transaktionen. Aber die Sprache des inneren Marktes lässt sie so erscheinen.

Vergleichst du dich mit einer besseren Version deiner selbst? „Best self“, „next level“, „Version 2.0“ – diese Begriffe setzen voraus, dass das aktuelle Selbst ein Durchgangsstadium ist, ein Rohstoff, der veredelt werden muss. Der innere Markt kennt kein Ankommen, nur permanente Optimierung. Erscheint dir Ruhe als Produktivitätsstrategie? Meditation „für mehr Fokus“, Schlaf „für bessere Performance“, Urlaub „um danach wieder voll da zu sein“. Der innere Markt integriert selbst das Nichtstun in seine Verwertungslogik. Erholung wird zur Investition in zukünftige Leistungsfähigkeit.

Fühlst du dich schuldig, wenn du nicht an dir arbeitest? Der innere Markt erzeugt ein spezifisches schlechtes Gewissen: nicht produktiv genug, nicht optimiert genug, nicht genug „bei sich“. Dieses Schuldgefühl ist sein zuverlässigstes Produkt.

Was der innere Markt verdeckt

Jede Stunde, die jemand mit der Optimierung des eigenen Mindsets verbringt, ist eine Stunde, die nicht in kollektive Organisierung fließt. Das ist kein Zufall, sondern Funktion. Der innere Markt absorbiert Energie, die sonst politisch werden könnte.

Er verdeckt auch die Frage nach den Ursachen. Wer Erschöpfung als persönliches Energiemanagement-Problem rahmt, fragt nicht nach Arbeitszeiten, Verdichtung, fehlender Absicherung. Wer Geldsorgen als Money-Mindset-Blockade behandelt, fragt nicht nach Lohnstrukturen, Mietpreisentwicklung, Vermögensverteilung.

Der innere Markt individualisiert strukturelle Probleme. Das ist seine ideologische Leistung.

Drei plausible Auswege

Erstens: Die Sprache wechseln. Statt „Ich habe keine Kapazitäten“ vielleicht „Ich will das gerade nicht“ oder „Das überfordert mich“. Statt „Ich muss an mir arbeiten“ vielleicht „Ich bin unzufrieden mit meiner Situation“. Die erste Formulierung jedes Paares lokalisiert das Problem im Selbst-als-Ressource, die zweite beschreibt einen Zustand ohne Marktlogik.

Zweitens: Die Ursachenfrage stellen. Wenn Erschöpfung, Angst, Unzufriedenheit auftauchen – bevor die Frage kommt „Was stimmt nicht mit mir?“, die Frage stellen: „Was stimmt nicht mit den Verhältnissen, in denen ich lebe?“ Häufig ist die zweite Frage die relevantere.

Drittens: Kollektive Lösungen suchen. Der innere Markt kennt nur individuelle Antworten auf individuelle Probleme. Aber die meisten Probleme, die er zu lösen vorgibt, sind kollektiv lösbar: bessere Arbeitsbedingungen, soziale Absicherung, zugängliche Gesundheitsversorgung, bezahlbares Wohnen. Diese Lösungen erfordern Organisierung, nicht Optimierung.

Viertens: Den Unterschied zwischen Unterstützung und Markt kennen. Therapie kann helfen. Gespräche mit Freund*innen können helfen. Körperliche Praktiken können helfen. Die Frage ist, ob sie als Unterstützung gerahmt werden oder als Investition in die eigene Marktfähigkeit. Derselbe Yoga-Kurs kann beides sein, je nachdem, mit welcher Haltung jemand hingeht.

Schluss: Was tun mit dem inneren Markt?

Der innere Markt verschwindet nicht durch Einsicht. Er ist zu tief in Sprache, Institutionen und Selbstverhältnisse eingeschrieben. Aber er lässt sich erkennen, wenn er operiert. Und mit jeder Situation, in der die Frage „Was stimmt nicht mit mir?“ ersetzt wird durch „Was stimmt nicht mit den Verhältnissen?“, verliert er ein Stück Plausibilität.

20 Euro Mindestlohn, 2.000 Euro Grundeinkommen – solche Forderungen klingen weniger aufregend als die Versprechen der Bewusstseinsindustrie. Sie bieten keine Transformation, keine Erweckung, kein next level. Sie bieten materielle Verbesserung. Das ist weniger, und es ist mehr.

Blogadmin, kritischer Zukunftsforscher und Realutopist. Mehr über den Blogansatz unter dem Menüpunkt Philosophie.

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