Die Klimabewegung in der langen Dauer: Was 150 Jahre Strukturgeschichte über Fridays for Future verraten
Dieser Text ist eine Co-Produktion von Jonas Drechsel und Claude. Die Recherche, Strukturierung und argumentative Ausarbeitung entstanden im Dialog zwischen menschlicher Zukunftsforschungs-Expertise und KI-gestützter Textproduktion.
Warum dieser Blick? Als Zukunftsforscher beschäftige ich mich beruflich mit dem, was kommen könnte. Aber je länger ich das tue, desto klarer wird mir: Wer Zukünfte verstehen will, muss Vergangenheiten verstehen. Die Strukturen, die unsere Handlungsräume begrenzen und ermöglichen, sind selten jünger als eine Generation. Häufig reichen sie Jahrhunderte zurück. Das gilt für Energiesysteme, für Staatsformen, für kulturelle Tiefengrammatiken. Und es gilt für soziale Bewegungen.
Die Klimabewegung in Deutschland wird überwiegend als Gegenwartsphänomen diskutiert. Greta Thunberg als Auslöserin, Fridays for Future als neue Bewegungsform, die Letzte Generation als Radikalisierung. Diese Erzählung ist nicht falsch, aber sie ist oberflächlich. Sie übersieht die sedimentierten Schichten, die das Handlungsfeld der Aktivist*innen vorkonfigurieren, oft unsichtbar für diese selbst. Fernand Braudels Konzept der longue durée, der langen Dauer, richtet den Blick genau auf diese Schichten: auf Strukturen, die sich langsamer verändern als Ereignisse, auf Pfadabhängigkeiten, die bestimmen, welche Formen ökologischer Politik in einem gegebenen Kontext überhaupt denkbar und durchsetzbar werden.
Was folgt, ist der Versuch einer solchen Strukturanalyse. Mich interessieren drei Achsen: das Verhältnis von Bewegung und Staat, die soziale Zusammensetzung und ihre Konsequenzen, sowie die kulturellen Rahmungen von Natur und Krise. Der internationale Vergleich dient dabei der Kontrastierung, um das spezifisch Deutsche sichtbar zu machen, das im nationalen Diskurs häufig als selbstverständlich erscheint.
Die korporatistische Tiefenstruktur
Die vielleicht tiefste strukturelle Differenz zwischen der deutschen Umweltbewegung und ihren angelsächsischen Pendants liegt im Verhältnis von organisierter Zivilgesellschaft und Staat. Deutschland entwickelte seit dem späten 19. Jahrhundert ein korporatistisches Modell, in dem intermediäre Organisationen (Verbände, Gewerkschaften, später NGOs) als quasi-staatliche Akteur*innen in Governance-Prozesse eingebunden werden. Diese Struktur prägt bis heute, wie Umweltbewegungen operieren, welche Strategien sie entwickeln und wo ihre Grenzen liegen. Wer das ignoriert, versteht nicht, warum deutsche Umweltpolitik so aussieht, wie sie aussieht.
Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, gegründet 1975, illustriert diese Einbettung exemplarisch. Formal handelt es sich um einen Verband, faktisch um einen anerkannten Stakeholder mit Klagerechten, Anhörungsrechten bei Planfeststellungsverfahren und institutionalisierten Zugängen zur Politik. Diese Position ermöglicht Einfluss, aber sie diszipliniert zugleich. Wer als Verband anerkannt werden will, muss Kompromissfähigkeit demonstrieren. Die Radikalisierung von Positionen gefährdet institutionelle Zugänge. Das ist kein Versagen einzelner Akteur*innen, sondern ein Struktureffekt: Das System bietet Partizipation an, fordert im Gegenzug aber Mäßigung.
Der Vergleich macht die Besonderheit sichtbar. Die US-amerikanische Umweltbewegung operiert in einem pluralistischen System, das Konflikt normalisiert statt einzuhegen. Der Sierra Club kann gleichzeitig klagen, lobbyieren und mobilisieren, ohne dass diese Funktionen in Spannung zueinander geraten, weil das politische System selbst auf antagonistische Interessenvertretung angelegt ist. Die britische Tradition wiederum kennt eine stärkere Trennung zwischen „respektablen“ NGOs wie dem National Trust und konfrontativen Bewegungen wie Earth First! oder später Extinction Rebellion. In Deutschland bildete sich eher ein Kontinuum von etabliert bis radikal, durchzogen von personellen Überschneidungen und organisatorischen Verflechtungen. Die Grünen haben Mitglieder, die früher bei Ende Gelände aktiv waren; BUND-Ortsgruppen unterstützen gelegentlich Besetzungen, während der Bundesverband sich distanziert. Diese Verflechtung ist kein Zufall, sondern Ausdruck der korporatistischen Grundstruktur.
Die Konsequenz für die Klimabewegung: In Deutschland war der Weg in die Institutionen strukturell vorgezeichnet. Die Gründung der Grünen 1980 erscheint aus dieser Perspektive weniger als strategische Entscheidung denn als Formzwang. Das politische System bot Bewegungen Partizipationsmöglichkeiten an, die schwer auszuschlagen waren. Die berühmten Konflikte zwischen „Fundis“ und „Realos“ in den 1980er Jahren waren im Kern Konflikte darüber, wie weit diese Integration gehen sollte. Die Frage, ob sie überhaupt stattfinden sollte, stand nie ernsthaft zur Debatte. Dass die Fundis verloren, war keine Kontingenz, sondern Struktureffekt. Joschka Fischer als Außenminister, Winfried Kretschmann als Ministerpräsident: Die Integrationskraft des deutschen Korporatismus ist bemerkenswert.
Die materielle Basis: Kohle, Atom, Infrastruktur
Umweltbewegungen entstehen in Auseinandersetzung mit konkreten materiellen Strukturen. Die deutsche Umweltbewegung formierte sich in einem Land, dessen Industrialisierung auf Kohle basierte, und diese Konfiguration wirkt bis heute, auch wenn die letzten Zechen geschlossen sind.
Das Ruhrgebiet als industrielles Zentrum prägte die Wirtschaftsstruktur und die politische Landschaft des gesamten Landes. Die enge Verflechtung von Kohle, Stahl und Sozialdemokratie schuf eine Konstellation, in der ökologische Kritik immer auch Kritik an der organisierten Arbeiter*innenbewegung war. Der Konflikt zwischen Umwelt- und Arbeitsplatzinteressen, der die Klimadebatte bis heute durchzieht, hat hier seine historischen Wurzeln. Er ist älter als die Klimabewegung selbst und tiefer in institutionelle Arrangements eingelassen, als es aktuelle Debatten über „Just Transition“ oft suggerieren. Wenn Gewerkschaftsvertreter*innen heute vor dem Verlust von Arbeitsplätzen durch Klimapolitik warnen, sprechen sie aus einer Tradition, die über ein Jahrhundert zurückreicht. Das macht ihre Position nicht richtig, aber es macht sie verständlich. Und es erklärt, warum der Kohleausstieg so viel schwieriger war als der Atomausstieg.
Die Nuklearisierung der Nachkriegszeit fügte eine zweite Konfliktlinie hinzu. Deutschland entschied sich (wie Frankreich, anders als Italien oder Dänemark) für einen massiven Ausbau der Atomenergie. Diese Entscheidung schuf das materielle Substrat für die Anti-AKW-Bewegung, die wiederum zum Inkubator der breiteren Umweltbewegung wurde. Hier liegt eine strukturelle Besonderheit, die im deutschen Diskurs häufig übersehen wird: In Ländern ohne signifikantes Atomprogramm entwickelten sich Umweltbewegungen anders. Dänemark etwa, das in den 1980ern Atomkraft parlamentarisch ausschloss, ohne dass eine vergleichbare Bewegung nötig gewesen wäre, fokussierte früher auf Windenergie und später auf Klimafragen. Die Mobilisierungserfahrungen und Radikalisierungsprozesse, die Wyhl, Brokdorf und Gorleben mit sich brachten, fehlten dort. Die deutsche Umweltbewegung wurde durch die Anti-AKW-Kämpfe geformt: in ihren Aktionsrepertoires, in ihrer Organisationsstruktur, in ihrem Selbstverständnis.
Der Vergleich mit Frankreich ist besonders instruktiv. Dort setzte sich die Nuklearisierung durch, ohne eine vergleichbare Gegenbewegung zu erzeugen. Die Gründe sind vielfältig: zentralistische Staatsstruktur, gaullistische Verknüpfung von Atom und nationaler Souveränität, schwächere föderale Widerstandspunkte. Aber der Effekt ist klar: Die französische Umweltbewegung blieb schwächer institutionalisiert, die Grünen marginal, und als Klimapolitik zum Thema wurde, war der Atomkonsens bereits so tief etabliert, dass er als Lösung statt als Problem gerahmt werden konnte. Der Gilets Jaunes-Konflikt 2018 (ausgelöst durch eine Ökosteuer auf Treibstoff) zeigte dann die Konsequenzen einer Klimapolitik, die ohne gewachsene Bewegungsinfrastruktur und ohne Vermittlung durch etablierte Umweltorganisationen implementiert wurde. Deutschland hatte mit den Grünen und den Umweltverbänden Pufferstrukturen aufgebaut, die solche Konflikte moderieren konnten. Jedenfalls bisher.
Die deutsche Energiewende nach Fukushima erscheint in dieser Langzeitperspektive weniger als Bruch denn als späte Realisierung eines Bewegungsziels, das seit den 1970ern artikuliert worden war. Dass sie ausgerechnet unter einer konservativen Regierung beschlossen wurde, verweist auf die Tiefe der gesellschaftlichen Verankerung, die vier Jahrzehnte Anti-AKW-Bewegung geschaffen hatten. Der Atomausstieg war 2011 kein linkes Projekt mehr, sondern gesellschaftlicher Konsens. Ein bemerkenswerter Erfolg einer sozialen Bewegung, auch wenn er selten als solcher gewürdigt wird. Zugleich zeigt der schleppende Kohleausstieg die Grenzen dieser Verankerung: Die Kohlekonstellation (mit ihren Verflechtungen aus Gewerkschaften, Landesregierungen und Energiekonzernen) erwies sich als widerstandsfähiger, weil sie institutionell tiefer verankert war und weil sie mit der Arbeiter*innenbewegung einen Verbündeten hatte, den die Anti-AKW-Bewegung nie gewinnen konnte.
Wer spricht? Die Klassenfrage der Ökologie
Die Frage, wer das Subjekt ökologischer Politik ist, durchzieht die gesamte Geschichte der Bewegung, und sie hat sich über die lange Dauer signifikant verschoben. Diese Verschiebungen zu verstehen, hilft bei der Einordnung aktueller Konflikte, die häufig als Stilfragen behandelt werden, obwohl es Klassenfragen sind.
Die Naturschutzbewegung des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts war eindeutig bürgerlich, überwiegend männlich und eng mit konservativen Milieus verbunden. Ernst Rudorffs „Heimatschutz“ richtete sich gegen Industrialisierung, aber der Blickwinkel war der des gebildeten Bürgertums: Natur sollte bewahrt werden, weil sie schön war, weil sie zur Heimat gehörte, weil sie Erholung von der Stadt bot. Die Arbeiter*innen in den Fabriken, deren Lebens- und Arbeitsbedingungen von Umweltverschmutzung unmittelbar betroffen waren, spielten in dieser Bewegung keine Rolle. Weder als Akteur*innen noch als Adressat*innen. Das war kein moralisches Versagen Einzelner, sondern strukturelle Bedingung: Naturschutz im bürgerlichen Sinne setzte Muße, Bildung und einen Naturbegriff voraus, der Natur als Gegenwelt zur Arbeit konzipierte. Für Menschen, deren Leben von Lohnarbeit bestimmt war, war dieser Naturbegriff schlicht nicht zugänglich.
Die Umweltbewegung der 1970er und 1980er Jahre veränderte diese Zusammensetzung, ohne sie aufzuheben. Die Träger*innenschicht waren nun eine andere: die expandierende neue Mittelschicht. Lehrer*innen, Sozialarbeiter*innen, Akademiker*innen in nicht-technischen Berufen, später die kreative Klasse der Wissensökonomie. Pierre Bourdieus Analyse des „neuen Kleinbürgertums“ mit seinem hohen kulturellen und niedrigem ökonomischen Kapital trifft diese Konstellation präzise. Umweltbewusstsein, ökologischer Konsum, Engagement in Bürgerinitiativen: All das wurde zum Distinktionsmerkmal einer Klasse, die sich über Lebensstil und Werthaltungen definierte. Die Distanz zur traditionellen Arbeiter*innenbewegung vertiefte sich dadurch weiter, und sie war wechselseitig. Die Gewerkschaften sahen in den Umweltschützer*innen Akademiker*innenkinder, die Arbeitsplätze gefährdeten; die Umweltbewegung sah in den Gewerkschaften Kompliz*innen des industriellen Systems.
International zeigen sich hier Variationen mit weitreichenden Konsequenzen. In den USA entstand ab den 1980ern eine Environmental-Justice-Bewegung, die explizit von Communities of Color getragen wurde und die Verteilungsfrage ins Zentrum stellte: Wer trägt die Umweltlasten, wer profitiert von Umweltschutz? Mülldeponien, Industrieanlagen, verschmutzte Luft und Wasser sind systematisch ungleich verteilt, und diese Ungleichheit folgt rassifizierten Mustern. Diese Bewegung blieb von der „weißen“ Mainstream-Umweltbewegung lange getrennt, organisierte sich in anderen Netzwerken, sprach eine andere Sprache. In Deutschland fehlte ein vergleichbares Pendant fast vollständig. Die Migrationsmuster waren andere, die rassifizierte Segregation weniger räumlich ausgeprägt, und die institutionelle Einbindung der Umweltverbände ließ wenig Raum für konfrontative Gegenorganisationen. Umweltgerechtigkeit als Thema kam erst spät in der deutschen Debatte an, überwiegend als Import aus dem US-amerikanischen Diskurs.
Fridays for Future reproduzierte die Mittelschichtsdominanz in verschärfter Form, auch wenn die generationale Rahmung diese Klassendimension verdeckte. Die Rede von „der Jugend“, die für ihre Zukunft kämpft, suggerierte ein einheitliches Subjekt, das empirisch so nie existierte. Studien zur Zusammensetzung der Demonstrationen zeigten konsistent: überdurchschnittlich hohe Bildungsabschlüsse der Eltern, deutlich überrepräsentierte Gymnasiast*innen, unterrepräsentierte Haupt- und Realschüler*innen, verschwindend geringe Beteiligung aus migrantischen Communities. Das soll die Bewegung nicht delegitimieren, aber es erklärt strukturell, warum bestimmte Anschlüsse nicht gelangen. Wenn Fridays for Future von „Systemwandel“ sprach, meinte die Bewegung überwiegend das Energiesystem, nicht das Bildungssystem oder die Klassenverhältnisse. Diese Engführung war kein taktischer Fehler, sondern Ausdruck der sozialen Position, aus der heraus gesprochen wurde.
Die Letzte Generation verschärfte dieses Muster weiter. Ihre Aktionsformen (Straßenblockaden, die Festnahmen in Kauf nehmen, Museumsaktionen mit rechtlichen Konsequenzen, Hungerstreiks, die körperliche Ressourcen erfordern) setzen ein Maß an zeitlicher Verfügbarkeit, rechtlicher Risikobereitschaft und kulturellem Kapital voraus, das strukturell bestimmte Gruppen ausschließt. Wer prekär beschäftigt ist, einen unsicheren Aufenthaltsstatus hat oder Care-Arbeit leistet, kann sich Festnahmen und mögliche Vorstrafen schlicht nicht leisten. Die Vorstellung, die Letzte Generation repräsentiere „die letzte Generation vor der Klimakatastrophe“ (also alle Jungen), ist soziologisch unhaltbar. Sie repräsentiert einen sehr spezifischen Ausschnitt dieser Generation, der durch Klassenposition und kulturelles Milieu definiert ist.
Die kulturelle Tiefengrammatik: Wald, Angst, Apokalypse
Die deutsche Umweltbewegung operiert in einem kulturellen Resonanzraum, der von spezifischen Bedeutungsschichten durchzogen ist. Diese Schichten sind historisch sedimentiert und wirken als Ermöglichungs- wie als Begrenzungsstrukturen zugleich. Sie zu verstehen, hilft bei der Erklärung, warum bestimmte Themen in Deutschland mobilisieren und andere nicht, warum bestimmte Frames verfangen und andere verpuffen.
Die romantische Naturphilosophie des frühen 19. Jahrhunderts etablierte ein Naturverständnis, das Natur als beseelten Gegenpol zur mechanistischen Moderne konzipierte. Anders als die britische Romantik, die stärker auf das Sublime und Erhabene fokussierte (die überwältigende Größe der Natur, vor der der Mensch zum Nichts wird), betonte die deutsche Variante die Einheit von Mensch und Natur, das Organische gegenüber dem Mechanischen, die Ganzheit gegenüber der Fragmentierung. Diese Denkfigur wirkt bis heute in Wendungen, die Deutsche für selbstverständlich halten, die aber international keineswegs selbstverständlich sind: der deutsche Wald als Sehnsuchtsort, die Kulturlandschaft als identitätsstiftend, das Gefühl der Entfremdung von einer Natur, zu der „man“ eigentlich gehört.
Die politischen Anschlüsse dieser Tradition sind ambivalent, und diese Ambivalenz ist konstitutiv, nicht auflösbar. Dieselbe Naturromantik speiste die Lebensreformbewegung des frühen 20. Jahrhunderts mit ihren progressiven Elementen (Reformpädagogik, Naturheilkunde, Vegetarismus), die völkische Blut-und-Boden-Ideologie mit ihren mörderischen Konsequenzen und, nach 1945, die Alternativbewegung der 1970er Jahre. Diese Kontinuitäten sind unbequem, aber analytisch unverzichtbar. Eine kulturelle Formation, die Natur als Gegenwelt zur korrumpierten Zivilisation setzt, ermöglicht sowohl progressive als auch reaktionäre Lesarten. Das Reichsnaturschutzgesetz von 1935 war nationalsozialistisch kontaminiert, aber es knüpfte an Traditionen an, die älter waren als der Nationalsozialismus. Und diese Traditionen verschwanden nicht 1945.
Für die Klimabewegung hat diese Ambivalenz konkrete Konsequenzen. Die emotionale Wucht des Waldsterbens-Diskurses der 1980er Jahre (das Wort selbst ist unübersetzbar ins Englische, weil „forest dieback“ die kulturelle Resonanz nicht transportiert) speiste sich aus diesen romantischen Tiefenschichten. Dass der Hambacher Forst zum Symbol des Widerstands gegen den Kohleabbau werden konnte, verdankt sich derselben Struktur: Ein Wald ist im deutschen Diskurs nie nur ein Ökosystem, sondern ein kultureller Bedeutungsträger, aufgeladen mit Jahrhunderten romantischer Projektion. Diese Aufladung ermöglicht Mobilisierung, aber sie kann auch den Blick auf globale Zusammenhänge verstellen. Aus der Perspektive des Klimasystems ist ein Hektar Hambacher Forst weniger relevant als die Regenwaldabholzung in Brasilien oder die Ozeanversauerung. Aber die kulturelle Grammatik deutscher Umweltpolitik fokussiert auf das Nahe, Sichtbare, Eigene und droht damit, das Ferne, Unsichtbare, Andere zu marginalisieren.
Die Apokalyptik als Diskursmodus zeigt im internationalen Vergleich interessante Variationen. Deutsche Umweltdebatten neigten historisch stärker zu katastrophischen Rahmungen als etwa skandinavische. Die Begriffsprägungen selbst tragen apokalyptische Konnotationen: „Waldsterben“, „Ozonloch“, „Klimakatastrophe“. Diese sprachlichen Muster stehen in einer längeren deutschen Tradition der Kulturkritik (von Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“ bis zur Kritischen Theorie der Frankfurter Schule), die Modernisierung als inhärent krisenhaft begreift. Die Konsequenzen für politische Mobilisierung sind doppelt: Einerseits erzeugt Apokalyptik Dringlichkeit und kann radikale Maßnahmen rechtfertigen. Wenn die Welt untergeht, sind Straßenblockaden das Mindeste. Andererseits kann sie Handlungsohnmacht produzieren. Wenn die Katastrophe unvermeidlich erscheint, warum dann noch kämpfen? Die Geschichte der Klimabewegung ist durchzogen von diesem Oszillieren zwischen mobilisierender Warnung und paralysierender Verzweiflung, zwischen „Noch können wir es schaffen“ und „Es ist bereits zu spät“.
Die institutionelle Architektur: Föderalismus, Rechtswege, Parteien
Die spezifisch deutsche Form des Föderalismus schuf Gelegenheitsstrukturen, die in zentralisierten Staaten fehlen. Landesregierungen konnten als Experimentierfelder für ökologische Politik dienen (rot-grüne Koalitionen in Hessen und Niedersachsen in den 1980ern, grün-geführte Landesregierungen ab 2011) und als Widerstandspunkte gegen Bundespolitik fungieren. Die Anti-AKW-Bewegung nutzte diese Struktur systematisch: Landesinnenminister*innen konnten Castor-Transporte behindern, Landtage konnten Resolutionen verabschieden, Landesverfassungsklagen konnten Projekte verzögern. Der Widerstand gegen Atomkraft war immer auch ein Kampf auf der föderalen Ebene, was ihm Beharrungskraft verlieh, die in zentralisierten Systemen schwerer aufzubauen gewesen wäre.
Zugleich fragmentierte der Föderalismus die Bewegung. Bürgerinitiativen bildeten sich um lokale Konflikte (ein Kraftwerk hier, eine Deponie dort, eine Straßenplanung anderswo), ohne dass diese Kämpfe automatisch zu einer nationalen Bewegung aggregierten. Die Anti-AKW-Bewegung war auch deshalb so wirksam, weil sie über die lokale Ebene hinausging und ein nationales Narrativ etablierte. Aber das gelang nicht bei allen Umweltthemen. Die Struktur begünstigte punktuelle Mobilisierung und lokale Erfolge, erschwerte aber die Formierung eines kohärenten politischen Projekts. Noch heute ist die Klimabewegung in Deutschland regional fragmentiert: unterschiedliche Akteur*innen in unterschiedlichen Bundesländern, unterschiedliche Koalitionen, unterschiedliche Schwerpunkte.
Der Rechtsweg als Politikform gewann in Deutschland eine Bedeutung, die im internationalen Vergleich auffällt. Das Verbandsklagerecht erlaubt Umweltorganisationen, Planungen gerichtlich anzufechten, eine Möglichkeit, die in vielen anderen Ländern lange nicht existierte. Deutsche Umweltverbände führen routinemäßig Prozesse gegen Straßenbauvorhaben, Industrieanlagen, Flughafenerweiterungen. Diese Juridifizierung des Konflikts hat ambivalente Effekte: Sie eröffnet Handlungsmöglichkeiten jenseits von Mobilisierung, was gerade in demobilisierten Phasen wertvoll ist. Aber sie professionalisiert zugleich die Bewegung (Anwält*innen werden wichtiger als Aktivist*innen, juristische Expertise wichtiger als Mobilisierungsfähigkeit) und sie verlagert Konflikte aus dem politischen in den rechtlichen Raum, wo andere Regeln gelten und andere Argumente zählen.
Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 2021, das Klimaschutz als Grundrechtsfrage etablierte, markiert einen vorläufigen Höhepunkt dieser Entwicklung. Das Gericht erklärte das Klimaschutzgesetz für teilweise verfassungswidrig, weil es die Lasten des Klimaschutzes unzulässig auf zukünftige Generationen verschiebe. Klimaschutz wurde damit nicht nur politisch, sondern verfassungsrechtlich geboten. Der internationale Vergleich zeigt, dass Deutschland hier nicht Vorreiter war: Die niederländische Urgenda-Entscheidung von 2015 hatte Ähnliches etabliert, nachfolgende Urteile in Irland, Frankreich und Belgien erweiterten den Referenzrahmen. Aber die spezifisch deutsche Variante (die Verankerung im Grundgesetz, die explizite Verpflichtung zukünftiger Gesetzgeber) hat weitreichende Implikationen. Ob zukünftige Regierungen diese Verpflichtung ernst nehmen oder kreativ umgehen werden, bleibt abzuwarten.
Die Parteienlandschaft schließlich strukturiert, welche politischen Artikulationen möglich sind. Das deutsche Verhältniswahlrecht ermöglichte den Grünen den Einzug in Parlamente, anders als in Großbritannien oder den USA, wo Mehrheitswahlrecht kleine Parteien systematisch benachteiligt. Die britischen Grünen haben trotz vergleichbarer Stimmenanteile nur einen Bruchteil der Mandate ihrer deutschen Entsprechung; die amerikanischen Grünen existieren als nationale Kraft praktisch nicht. Diese institutionelle Öffnung kanalisierte Bewegungsenergie ins Parteiensystem und schuf mit den Grünen einen permanenten parlamentarischen Arm der Umweltbewegung. Die Bewertung dieser Entwicklung hängt vom angelegten Maßstab ab: Gemessen an parlamentarischer Repräsentation ein klarer Erfolg, gemessen an der Radikalität der erreichten Politikveränderungen bestenfalls gemischt. Die Grünen haben Kompromisse geschlossen, die aus Bewegungsperspektive als Verrat erscheinen können, und sie haben Veränderungen durchgesetzt, die ohne parlamentarische Präsenz nicht möglich gewesen wären. Beides ist wahr.
Was sich verändert hat: Drei strukturelle Verschiebungen
Welche strukturellen Verschiebungen lassen sich über den Gesamtzeitraum identifizieren? Drei erscheinen mir besonders relevant. Die Verwissenschaftlichung des Diskurses ist die vielleicht tiefgreifendste. Die frühe Naturschutzbewegung argumentierte ästhetisch und kulturell: Natur sollte bewahrt werden, weil sie schön war, weil sie zur Heimat gehörte, weil sie Erholung bot. Die Umweltbewegung der 1970er operierte bereits stärker mit wissenschaftlichen Referenzen (der Club of Rome, die Ökosystemforschung), aber noch eingebettet in breitere gesellschaftskritische Narrative, die Kapitalismus, Patriarchat, Militarismus und Umweltzerstörung als zusammenhängende Phänomene analysierten. Die Klimabewegung seit den 1990ern ist vollständig auf wissenschaftliche Legitimation umgestellt: IPCC-Berichte als Referenzpunkte, „Listen to the Science“ als Schlachtruf, Wissenschaftler*innen wie Hans Joachim Schellnhuber oder Mojib Latif als Legitimationsfiguren.
Diese Verschiebung hat erhebliche Kosten, die in der Bewegung selbst selten reflektiert werden. Die Fokussierung auf „die Wissenschaft“ entpolitisiert paradoxerweise einen genuin politischen Konflikt. Wenn das Problem ein wissenschaftlich-technisches ist (zu viel CO₂ in der Atmosphäre), dann erscheint die Lösung ebenfalls wissenschaftlich-technisch: Emissionen reduzieren, Technologien entwickeln, Effizienz steigern. Die Frage, wer die Kosten trägt, wer von der Transformation profitiert und wer verliert, welche Lebensformen ermöglicht und welche verunmöglicht werden, gerät in den Hintergrund. Außerdem marginalisiert die Verwissenschaftlichung nicht-wissenschaftliche Wissensformen (lokales Wissen, indigenes Wissen, Erfahrungswissen), die für eine gerechte Transformation durchaus relevant wären. Und sie macht die Bewegung abhängig von einer Institution, deren gesellschaftliche Autorität selbst zunehmend angefochten wird, wie die Wissenschaftsskepsis während der Corona-Pandemie gezeigt hat.
Die Globalisierung des Bezugsrahmens veränderte die Problemdefinition fundamental. Die frühe Naturschutzbewegung operierte im nationalen Rahmen, die Anti-AKW-Bewegung bezog sich auf lokale Standorte mit nationalem Resonanzraum, die Klimabewegung ist ihrem Gegenstand nach notwendig global. Das Klimasystem kennt keine Staatsgrenzen; deutsche Emissionen erwärmen die Atmosphäre genauso wie chinesische oder amerikanische. Diese Verschiebung erzeugt eigentümliche Spannungen, die bis heute ungelöst sind: Die Aktivist*innen sind lokal verankert (deutsche Mittelschicht), ihre Forderungen zielen auf globale Transformation, ihre Adressat*innen sind nationale Regierungen mit begrenzter Reichweite. Die Klimabewegung fordert von der deutschen Politik etwas, das diese allein gar nicht leisten kann, und sie kann gleichzeitig nicht auf supranationale Institutionen ausweichen, weil diese demokratisch noch weniger legitimiert und strategisch noch schwerer zu beeinflussen sind. Die strukturelle Inadäquanz zwischen Problemebene und Handlungsebene durchzieht die gesamte Klimapolitik, und die Klimabewegung hat sie bisher nicht aufgelöst, sondern reproduziert sie in ihrer eigenen Praxis.
Die Beschleunigung der Bewegungszyklen markiert eine dritte signifikante Verschiebung. Die Anti-AKW-Bewegung entwickelte sich über zwei Jahrzehnte, von Wyhl 1975 bis zum Castor-Widerstand der 1990er, mit Höhen und Tiefen, aber einer gewissen Kontinuität. Die Grünen institutionalisierten sich über eine Generation. Fridays for Future durchlief den Zyklus von Emergenz über Massenmobilisierung zu Fragmentierung und Erschöpfung in wenigen Jahren, von 2018 bis etwa 2022. Diese Beschleunigung hängt mit veränderten Medienstrukturen zusammen: Soziale Medien ermöglichen schnellere Mobilisierung, aber auch schnellere Ermüdung. Die Aufmerksamkeitsökonomie des 21. Jahrhunderts belohnt Neuheit und bestraft Wiederholung. Und möglicherweise handelt es sich um eine strukturelle Veränderung der Zeiterfahrung unter spätkapitalistischen Bedingungen, die alle gesellschaftlichen Bereiche betrifft. Für soziale Bewegungen bedeutet diese Beschleunigung jedenfalls, dass die Fenster für Mobilisierung kürzer werden, und dass die Frage, wie Bewegungswissen über Zyklen hinweg tradiert werden kann, drängender wird.
Die Gegenwart als offene Struktur
Eine Longue-Durée-Analyse zielt auf die Identifikation jener Strukturen, die das Feld zukünftiger Möglichkeiten abstecken, ohne den Anspruch, aus diesen Strukturen Prognosen abzuleiten. Die Zukunft bleibt offen, aber sie ist nicht beliebig offen. Bestimmte Entwicklungen sind strukturell wahrscheinlicher als andere.
Das Verhältnis von Bewegung und Institution bleibt ungeklärt. Die Geschichte zeigt, dass deutsche Umweltbewegungen zur Institutionalisierung tendieren, weil die korporatistische Grundstruktur Anreize bietet, die schwer abzulehnen sind. Aber sie zeigt auch, dass radikale Flanken immer wieder entstehen, gerade wenn die institutionalisierten Akteur*innen als zu kompromissbereit wahrgenommen werden.
Die Letzte Generation ist in diesem Sinne weniger Anomalie als Struktureffekt: Sie entstand, weil Fridays for Future trotz Massenmobilisierung keine adäquate politische Reaktion auslösen konnte und die Grünen in der Regierung Kompromisse eingingen, die für Teile der Bewegung inakzeptabel waren.
Jonas Drechsel
Ob diese radikale Flanke ihrerseits institutionalisiert wird, marginalisiert wird oder durch neue Formationen ersetzt wird, ist derzeit nicht absehbar. Die Klassenfrage kehrt in neuer Form wieder. Wenn Klimapolitik mit Verteilungskonflikten verbunden ist (Wärmepumpen, die sich einkommensschwache Haushalte nicht leisten können, CO₂-Preise, die regressiv wirken, Transformationen in Industrieregionen, die Arbeitsplätze kosten), dann wird die soziale Zusammensetzung der Bewegung politisch relevant. Eine überwiegend bürgerliche Bewegung, die Politik für alle fordert, steht vor einem Legitimationsproblem, das durch Rhetorik allein nicht zu lösen ist. Die Frage, ob und wie die Klimabewegung ihre soziale Basis erweitern kann, ohne ihre Identität zu verlieren, wird in den kommenden Jahren drängender werden. Die bisherige Geschichte stimmt hier eher skeptisch: Die Klassenstruktur der deutschen Umweltbewegung hat sich über 150 Jahre als bemerkenswert stabil erwiesen.
Die kulturelle Resonanzstruktur ermöglicht und begrenzt weiterhin. Der deutsche Wald mobilisiert anders als Klimamodelle, der Hambacher Forst anders als Kipppunkte im Erdsystem. Die Frage, ob die Bewegung in der Lage ist, globale Zusammenhänge emotional aufzuladen, ohne in nationalistische Engführungen zu verfallen, bleibt offen. Die Tradition romantischer Naturverklärung bietet Ressourcen für Mobilisierung, aber sie kann auch den Blick verengen und Solidaritäten verhindern, die für eine globale Klimagerechtigkeit notwendig wären.
Die materiellen Strukturen schließlich (Energieinfrastruktur, Produktionsverhältnisse, Konsummuster, urbane Räume) transformieren sich langsamer als Bewegungszyklen. Die Klimabewegung operiert im Spannungsfeld zwischen der Dringlichkeit ihres Anliegens und der Trägheit der Strukturen, die sie verändern will. Diese Spannung aufrechtzuerhalten, ohne an ihr zu verzweifeln oder sich ihr anzupassen, ist die zentrale Herausforderung. Und sie ist strukturell, nicht individuell. Einzelne Aktivist*innen können daran scheitern oder wachsen, aber die Spannung selbst bleibt bestehen.
Deutschlands Emissionen sind seit 1990 um fast die Hälfte gesunken. Die globalen Emissionen sind im selben Zeitraum um mehr als 60 Prozent gestiegen. Die Klimabewegung hat in Deutschland einiges erreicht. Das Klima interessiert sich dafür nicht.
