Ohne Agency: Der Stuhl bleibt, wo er steht
Dieser Text ist eine Co-Produktion von Jonas Drechsel und Claude. Die Recherche, Strukturierung und argumentative Ausarbeitung entstanden im Dialog zwischen menschlicher Zukunftsforschungs-Expertise und KI-gestützter Textproduktion.
Der Raum, der keine Frage stellt
Seminarräume, Meetingräume, Konferenzsäle. Stuhlreihen mit Blick nach vorne, Beamer an der Stirnseite, Flipchart in der Ecke. Diese Räume werden so eingerichtet, weil sie immer so waren. Die Konfiguration hat sich durch Wiederholung sedimentiert, bis sie aufgehört hat, eine Entscheidung zu sein, und zur Gegebenheit wurde. Die Frage, welche Anordnung welche Art von Gespräch ermöglicht, wurde nie gestellt. Einfach weil. Ist so.
Das ist der Kern von dem, worüber ich in letzter Zeit viel nachdenke: Anti-Agency ist Regelfall. Die meisten Menschen sehen nicht, wie Bedingungen und Strukturen ihre Gestaltungsmacht blockieren, weil die Blockade selbst unsichtbar ist. Der Stuhl wird nicht umgestellt, weil die Möglichkeit, ihn umzustellen, kategorial außerhalb des Wahrnehmungsfelds liegt. Das ist Struktur.
Naturalisierung: Wenn Arrangements zu Gegebenheiten werden
Was lange wiederholt begegnet, verwandelt sich von Arrangement zu Gegebenheit. Die Stuhlreihe ist kein Arrangement mehr, sondern „wie Workshop-Räume eben sind“. Der Stunden-Meeting-Slot ist keine Entscheidung, sondern Standard. Diese Naturalisierung macht die Gestaltungsdimension unsichtbar, bevor die Frage nach Alternativen überhaupt gestellt werden kann. Wer eine Raumkonfiguration nie als Ergebnis von Entscheidungen betrachtet hat, dem bleibt verborgen, dass sie anders sein könnte.
Dazu kommt eine pragmatische Ebene: Wenn der Inhalt eines Workshops bereits komplex ist, bleibt wenig Aufmerksamkeit für Metareflexion über Rahmenbedingungen. Der Raum fällt als Variable raus, weil sein Einfluss auf Ergebnisse diffus und schwer kausal zuzuordnen ist. War der Workshop gut, weil die Methode stimmte? Weil die Gruppe gut funktionierte? Weil der Raum anders war? Diese Unschärfe verhindert Lernen. Die Raumanordnung bleibt, wie sie ist. Das ist rationale Ressourcenallokation unter echten Aufmerksamkeitsgrenzen.
Und dann ist da noch die Machtfrage. Wer sich berechtigt fühlt, Stühle umzustellen, hängt von impliziten Hierarchien ab. Externe Facilitator*innen dürfen Räume gestalten, das ist ihr Auftrag. Interne Organisator*innen bewegen sich in komplexeren Feldern: Raumgestaltung kann als Kritik am Gegebenen oder als Grenzüberschreitung gelesen werden. Das Schulterzucken ist Vermeidungsstrategie.
Der neoliberale Wolf im Schafspelz
Ich habe lange gebraucht, den zweiten Mechanismus wirklich zu verstehen. Strukturen blockieren Agency, und diese Blockade wird als Ermächtigung vermarktet. Das ist der Wolf im Schafspelz.
Das neoliberale Selbstoptimierungsversprechen lautet: Du kannst alles schaffen, wenn du achtsam mit dir bist, deinen Körper in Schuss hältst, dich weiterbildest und ehrgeizig genug bist. Das klingt nach Agency. Diese negative Freiheit ist das Gegenteil. Wer Meeting-Erschöpfung durch Achtsamkeitstraining bearbeitet statt durch Veränderung der Meetingstruktur, optimiert die Anpassung an dysfunktionale Bedingungen. Wer Wohnungsnot durch Finanzoptimierung löst statt durch Mietpreiskritik, individualisiert ein strukturelles Problem. Wer Verkehrslärm durch bessere Kopfhörer erträgt statt durch Stadtplanung angreift: Anpassung. Gestaltung bleibt aus.
Der Mechanismus ist doppelt perfide. Erstens bindet er enorme Energie in Selbstbearbeitung, die sonst in Strukturveränderung fließen könnte. Zweitens immunisiert er Strukturen gegen Kritik: Wenn Probleme individuell sind, sind strukturelle Lösungen irrelevant. Und wenn du scheitern solltest, weil strukturelle Probleme sich individuell nicht lösen lassen, liegt das natürlich an dir. Nicht genug meditiert, nicht strategisch genug gelernt, nicht ehrgeizig genug.
Viele Progressive durchschauen die Falle, kippen dann aber in die nächste: Sie lehnen individuelle Verantwortung insgesamt ab. „Das System muss sich ändern“ klingt kritisch, ist aber praktisch lähmend. Strukturen erklären Bedingungen, aber die Entscheidung, wie man sich zu diesen Bedingungen verhält, bleibt die eigene. Das ist Antwortfähigkeit: die Fähigkeit zu antworten, wo etwas nicht stimmt.
Was Agency wirklich bedeutet
Agency entsteht, wo drei Elemente zusammenkommen, und nur wo alle drei zusammenkommen.
Das erste ist Begehren. Gemeint ist positioniertes Wollen aus einer spezifischen Erfahrung von Mangel heraus. Ich halte es nicht aus, dass Workshops Menschen erschöpft statt handlungsfähig zurücklassen. Ich will, dass Räume so gestaltet sind, dass in ihnen wirklich etwas passieren kann. Das ist existentiell verankert: aus einer konkreten Erfahrung, aus einer gelebten Position.
Das zweite ist Wahrnehmung der Diskrepanz: die Fähigkeit zu sehen, dass das Ist dem Sein-Könnenden nicht entspricht, und dass Strukturen gestaltbar sind. Das setzt zwei Dinge voraus: die Kategorie der Kontingenz (Dinge könnten auch anders sein) und einen Vergleichsmaßstab (ein Bild, wie es anders wäre). Begehren ohne Wahrnehmung bleibt diffus. Wahrnehmung ohne Begehren bleibt gleichgültig.
Das dritte ist Handlungsvermögen: Klarheit über den Ansatzpunkt plus Ressourcen zur Umsetzung. Zeit, Legitimation, Kompetenz, Energie. Wer sieht, was falsch läuft, und weiß, was er*sie will, aber keine Ressourcen hat zu handeln, erlebt strukturelle Ohnmacht. Und strukturelle Ohnmacht, die lang genug andauert, erodiert Begehren und Wahrnehmung gleich mit.
Diese drei Elemente greifen zirkulär ineinander. Begehren schärft Wahrnehmung, Wahrnehmung ermöglicht gezielte Handlung, Handlung bestätigt Wahrnehmung und intensiviert Begehren. Fehlt eines, erodieren die anderen. Wer jahrelang handeln will, aber nicht kann, hört irgendwann auf zu wollen.
Agency beginnt beim Ich
Hier liegt ein Missverständnis, das viele progressive Formate teuer bezahlen. Der Versuch, aus einem Workshop kollektives Begehren herzustellen, kostet mehr Agency als er schafft. In einem Raum sitzen Menschen mit unterschiedlichen Wollensrichtungen: Eine*r will Grünflächen, eine*r bezahlbaren Wohnraum, eine*r weniger Autos, eine*r politischen Einfluss auf ganz andere Themen. Diese Begehren durch Konsensfindung zu einem „Wir wollen eine lebenswerte Stadt“ zu fusionieren, verwässert jedes einzelne und erschöpft alle. Konsensbegehren ist Energieaufwand mit Ergebnisverlust.
Agency beginnt beim „Ich“, auf dem dann ein tragfähiges „Wir“ aufbauen kann. Kooperation braucht starke Individuen als Voraussetzung. Wer Selbstwirksamkeit kennt, wer weiß, was er*sie will, und erfahren hat, dass eigenes Handeln Strukturen verschieben kann, kooperiert aus dieser Position heraus, ohne sich dabei zu verlieren. Das „Wir“ erwächst aus starken „Ichs“, die ihre Differenz bewahren und genau dadurch wirksamer zusammenarbeiten können. Solidarität aus Stärke, Kollektiv als Verstärkung von Wirksamkeit.
Individuelle Verantwortung ist damit Kernelement von Agency: Antwortfähigkeit gegenüber Strukturen, die schlechter sind als ihre Alternativen. Das unterscheidet sich fundamental von Anpassungsverantwortung, der Pflicht, sich an gegebene Strukturen zu fügen.
Langsam nährt sich das Agency-Hörnchen
Ich mache mich 2017 auf den Weg in die Zukunftsforschung. 2022 berate ich die EU. Zwischen beidem liegen fünf Jahre Kompetenzaufbau, Netzwerkpflege, Positionierung, Scheitern, Iterieren und Weiterarbeiten. Strategische Navigation von Opportunitätsstrukturen. Ich habe nicht kontrolliert, ob die EU mich als relevanten Gesprächspartner wahrnimmt. Aber ich habe systematisch die Bedingungen geschaffen, unter denen das wahrscheinlicher wurde.
Agency ist strategisches Projekt über Zeit. Geduld, Frustrationstoleranz und Beharrlichkeit sind die zeitliche Dimension von Begehren: die Fähigkeit, ein Wollen über Jahre zu halten. Zu schnell zu viel zu wollen ist selbst Anti-Agency. Es überlastet Handlungsvermögen, verhindert Lernen durch Iteration und erzeugt Druck, der Praxis verschlechtert. Wer 2024 eine gerade gegründete Initiative fragt „Wann wird das Bewegung?“, hat die falsche Zeitperspektive.
Hörnchen sammeln Nüsse, verstecken sie, vergessen manche, manche wachsen zu Bäumen. Jede Nuss wird zum Baum. Aber das Sammeln selbst ist die Praxis. Die relevante Frage lautet: „Ist der Pfad, auf dem ich bin, einer der langfristig Agency aufbaut?“ Diese Frage beantwortet sich in der Praxis, durch Iteration, durch Zeit.
Der Stuhl kann umgestellt werden. Das ist alles, was man wissen muss, um anzufangen.
