Was machen Zukunftsforscher*innen? Eine Bestandsaufnahme jenseits der einfachen Antworten
Dieser Text ist eine Co-Produktion von Jonas Drechsel und Claude. Die Recherche, Strukturierung und argumentative Ausarbeitung entstanden im Dialog zwischen menschlicher Zukunftsforschungs-Expertise und KI-gestützter Textproduktion.
Neulich fragte mich jemand auf einer Veranstaltung, was ich beruflich mache. „Zukunftsforschung“, sagte ich. Die Reaktion schwankte zwischen höflichem Interesse und Ratlosigkeit. „Aha. Und was macht man da so?“ Gute Frage. Wenn ich ehrlich bin: Die Antwort hängt davon ab, wen du fragst.
Die naheliegende Antwort wäre: Zukunftsforscher*innen erforschen die Zukunft. Das stimmt ungefähr so sehr wie „Mathematiker*innen erforschen Zahlen“ oder „Soziolog*innen erforschen die Gesellschaft“. Technisch korrekt, praktisch nutzlos. Die Frage ist nicht, was erforscht wird, sondern wie, wozu, mit welchen Methoden, für wen, aus welcher Perspektive. Und genau hier beginnt die Fragmentierung.
Legitimation durch unterschiedliche Logiken
Zukunftsforschung existiert nicht als einheitliche Disziplin mit geteilten Standards, sondern als Feld verschiedener Praktiken, die sich unter demselben Label versammeln. Manche operieren nach wissenschaftlichen Kriterien: methodische Stringenz, Nachvollziehbarkeit, epistemologische Reflexivität. Andere nach Marktlogik: Zahlungsbereitschaft der Auftraggeber*innen, verwertbare Outputs, praktische Umsetzbarkeit. Wieder andere nach politisch-normativen Maßstäben: Wessen Zukunft wird imaginiert, welche Machtstrukturen werden reproduziert oder herausgefordert.
Diese unterschiedlichen Legitimationslogiken erzeugen fundamental verschiedene Zukunftsforschungen. Ein Beispiel: Eine wissenschaftlich orientierte Person entwickelt explorative Szenarien über mögliche Entwicklungen urbaner Mobilität. Die Szenarien sind methodisch sauber hergeleitet, dokumentiert, epistemologisch reflektiert. Gleichzeitig haben sie für Entscheider*innen in Kommunalverwaltungen oft wenig Anschlussfähigkeit, weil sie keine konkreten Handlungsempfehlungen liefern. Die Forschung generiert Wissen, keine Entscheidungen. Eine andere Person arbeitet für eine Strategieberatung, liefert dem gleichen Kommunalamt vier Szenarien mit klaren Roadmaps, Quick Wins und langfristigen Initiativen. Methodisch weniger rigoros, dafür unmittelbar verwertbar. Beide nennen ihre Arbeit „Zukunftsforschung“. Beide hätten Schwierigkeiten, die Arbeit der jeweils anderen als solche anzuerkennen.
Daraus folgt: Die Frage „Was machen Zukunftsforscher*innen?“ lässt sich nicht beantworten, ohne zu klären, nach welchen Kriterien Zukunftsforschung überhaupt als gelungen gilt. Wissenschaftliche Validität? Praktische Verwertbarkeit? Politische Wirkung? Rhetorische Überzeugungskraft? Ästhetische Irritation? Diese Kriterien schließen sich nicht zwingend aus, stehen aber in Spannungsverhältnissen zueinander.
Zwischen Analyse und Gestaltung
Eine weitere Spannung verläuft zwischen analytischer und gestalterischer Ausrichtung. Manche Zukunftsforscher*innen verstehen ihre Arbeit primär als Analyse: Welche Trends lassen sich beobachten? Welche Entwicklungen sind plausibel? Welche Unsicherheiten kritisch? Die Zukunft wird erforscht, um sie zu verstehen. Andere begreifen Zukunftsforschung als gestaltend: Welche Zukünfte sind wünschenswert? Wie lassen sie sich wahrscheinlicher machen? Die Zukunft wird imaginiert, um sie zu beeinflussen.
Diese Unterscheidung ist weniger klar, als sie zunächst erscheint. Jede Zukunftsaussage ist bereits eine Intervention in gegenwärtige Aushandlungsprozesse. Wer bestimmte Zukünfte als plausibel rahmt, verschiebt, was als machbar, notwendig oder unvermeidlich gilt. Selbst vermeintlich neutrale Trendanalysen sind nie nur Beschreibungen. Sie priorisieren bestimmte Entwicklungen, blenden andere aus, naturalisieren spezifische Annahmen. Die Trennung zwischen Analyse und Gestaltung existiert in der Theorie, löst sich in der Praxis tendenziell auf.
Dennoch macht der Unterschied praktisch einen Unterschied. Zukunftsforschung, die sich primär als Wissenschaft versteht, entwickelt andere Formate als solche, die sich als Beratungsdienstleistung, politische Intervention oder künstlerische Praxis begreift. Die Outputs reichen von Peer-Review-Papers über Strategiepapiere und Workshopformate bis zu spekulativen Artefakten und Science-Fiction-Romanen. Alle verfolgen unterschiedliche Ziele, adressieren unterschiedliche Publika, nutzen unterschiedliche Validierungsmechanismen.
Ökonomische Einbettung als struktureller Filter
Die meisten Zukunftsforscher*innen leben nicht von Forschungsgeldern, sondern von Aufträgen. Das prägt die Arbeit strukturell. Bestimmte Zukünfte werden häufiger imaginiert, weil sie sich besser monetarisieren lassen. Andere verschwinden, weil keine zahlungskräftige Nachfrage existiert. Ein Versicherungskonzern zahlt für Szenarien zu Risikomanagement und Klimawandel. Eine NGO für partizipative Zukunftswerkstätten zu gesellschaftlicher Transformation. Ein Ministerium für geopolitische Vorausschau. Jede*r Auftraggeber*in bringt eigene Erwartungen, Plausibilitätsstrukturen, politische Rahmenbedingungen mit.
Daraus ergibt sich eine systematische Verzerrung: Zukunftsforschung für zahlungskräftige Akteur*innen existiert in Hülle und Fülle. Zukunftsforschung, die herrschaftskritisch, radikal transformativ oder schlicht nicht verwertbar ist, kämpft um Finanzierung. Der Markt für Zukunftswissen ist kein neutraler Mechanismus, sondern ein Filter, der bestimmte Perspektiven privilegiert. Die Frage „Was machen Zukunftsforscher*innen?“ wird dadurch zur Frage: Was lässt sich finanzieren?
Gleichzeitig existieren Nischen. Wissenschaftliche Institutionen ermöglichen Zukunftsforschung jenseits von Auftragslogik. Aktivistische Kontexte schaffen Räume für kritische Perspektiven. Künstlerische Förderung erlaubt spekulative Ansätze. Diese Nischen sind klein, prekär finanziert, institutionell oft marginalisiert. Sie existieren, verändern aber die Gesamtdynamik kaum.
Methodische Vielfalt ohne gemeinsamen Kern
Methodisch reicht das Spektrum von quantitativer Modellierung über Delphi-Befragungen, Szenario-Technik, Partizipative Workshops, Diskursanalyse bis zu Design Fiction und spekulativen Artefakten. Manche Zukunftsforscher*innen arbeiten mit Machine Learning und Predictive Analytics, andere mit Meditation und intuitiver Zukunftsarbeit. Wieder andere schreiben Science-Fiction-Romane oder entwickeln dystopische Prototypen für Museumsausstellungen.
Diese methodische Pluralität ließe sich als Stärke lesen: Ein reichhaltiges Repertoire für unterschiedliche Fragestellungen. Sie lässt sich auch als Symptom disziplinärer Unreife lesen: Ein Feld, das noch keine stabile Form gefunden hat. Andere Disziplinen kennen Methodenstreit, Zukunftsforschung kennt parallele Methodenwelten, die kaum aufeinander Bezug nehmen. Quantitative Modellierung und spekulative Design Fiction teilen sich das Label, operieren aber in verschiedenen epistemischen Universen.
Das bedeutet: Zukunftsforscher*in zu sein erfordert weniger die Beherrschung einer Methode als die Fähigkeit, zwischen verschiedenen Modi zu wechseln. Mal rigoros-wissenschaftlich arbeiten, mal pragmatisch-beratend, mal kritisch-intervenierend, mal visionär-inspirierend. Diese Flexibilität erzeugt Anschlussfähigkeit an unterschiedliche Kontexte. Sie erzeugt auch eine gewisse Beliebigkeit, wenn nicht klar ist, welcher Modus wann angemessen ist.
Was bleibt: Wir machen sehr unterschiedliche Dinge
Zukunftsforscher*innen machen sehr unterschiedliche Dinge. Manche schreiben Papers über epistemologische Grundlagen von Vorausschau. Andere entwickeln Trend-Radars für Konzernvorstände. Wieder andere moderieren partizipative Zukunftswerkstätten in Stadtteilen oder bauen dystopische Prototypen für Designausstellungen. Manche analysieren Big Data mit Machine Learning, andere führen Stakeholder-Interviews, wieder andere leiten Meditationen zur „inneren Zukunftsvision“.
Die Gemeinsamkeit liegt weniger in Methoden oder Outputs als in einer geteilten Grundfrage: Was kommt? Diese Frage lässt sich wissenschaftlich, beratend, künstlerisch, aktivistisch, spirituell bearbeiten. Jeder Zugang bringt eigene Einsichten, blinde Flecken, Legitimationsstrategien. Keine Position dominiert das Feld vollständig. Keine hat eine überzeugende Antwort gefunden auf die Frage, wie sich über etwas forschen lässt, das per Definition noch nicht existiert.
Vielleicht ist das die ehrlichste Antwort auf die Eingangsfrage: Zukunftsforscher*innen operieren in Zwischenräumen. Zwischen Wissenschaft und Beratung, zwischen Analyse und Gestaltung, zwischen verschiedenen Wahrheitsansprüchen, die sich teilweise ausschließen. Diese Position ermöglicht Flexibilität, erzeugt aber auch Instabilität. Das Feld findet keine stabile Form, weil es strukturell in Spannungen existiert, die sich nicht auflösen lassen.
Letzte Woche traf ich eine Kollegin, die gerade einen Auftrag für einen DAX-Konzern abgeschlossen hatte. „War das jetzt Zukunftsforschung?“, fragte sie. Gute Frage.
