Anarchie: Annäherung an Begriff & Theorie

Durch die Ablehnung von Herrschaft ist Anarchie das demokratischste Prinzip, das ich mir vorstellen kann – ganz im Gegensatz zu einer 50+1-Demokratie, in der die Mehrheit Minderheiten zu Verlieren degradiert. Demokratie wird in der Anarchie als Prozess verstanden, in dem jede/r ein Recht auf Widerspruch hat. Eine solche Form der Selbstorganisation scheint für viele Angsteinflössend, da sie Herrschaft und Macht als durchaus auch sicherheitsstiftende Elemente in Frage stellt.

So wird “Dann droht uns Anarchie!” oft als Drohszenario aufgemacht, um den Wunsch nach Reduzierung von Herrschaft als absolutes Chaos darzustellen. Wenn also Peter Fox den verstorbenen Demba als Anarcho-Element bei Seeed bezeichnet, dann heißt weniger, dass er Chaos reinbrachte, sondern eher, dass er die Mainstream-Herrschaft in der Musik so nicht anerkennt. Und damit andere, ungewohntere Herangehensweisen ermöglicht. Formen von Freiheit eben.

Das Anarchie = Chaos-Sprachbild verweigert eine historisch-philosophische Sichtweise auf das Thema. Im Folgenden sammle ich deshalb ein paar Gedanken, in dem Versuch meinen Blickwinkel nachzuzeichnen.

1793 lieferte William Godwin eine erste Definition von Herrschaft, welcher anarchistisches Denken im Folgenden entscheidend prägte. Er schrieb:

All das wird deutlicher werden, wenn wir über die Autorität, das passende Korrelat des Gehorsams, nachdenken … Die erste Art der Autorität ist die Vernunft … Die zweite ist jene, deren Gültigkeit von dem Vertrauen dessen abhängt, der sie anerkennt, und sie besteht, wo ich, da ich nicht selbst die Information habe erwerben können, die mich befähigt hätte, mir ein verständiges Urteil zu bilden, der mir bekannten Entscheidung eines anderen mehr oder weniger Ehrerbietung zolle … Autorität im letzten der drei erwähnten Sinne besteht, wo ein Mann, indem er seine Vorschrift erläßt, nicht auf das hinweist, was ungestraft mißachtet werden kann; seine Vorschrift aber ist von einer Sanktion begleitet und ihre Verletzung zieht Strafe nach sich. Diese Art der Autorität wird zu Recht mit der Vorstellung von Herrschaft verbunden. Man tut der politischen Gerechtigkeit ganz einfach Gewalt an, verwechselt man eine sich auf Macht gründende Autorität mit jener anderen Autorität, die ihren Ursprung in Ehrerbietung und Achtung hat …

Achim von Borries / Ingeborg Weber-Brandies (Hg.)
Anarchismus – Theorie, Kritik, Utopie

Autorität, die nicht auf Vernunft und Vertrauen basiert, schränkt Freiheit und Gleichheit demnach in herrschaftlicher Weise ein. Gegen diese Herrschaft lehnt sich der Anarchismus auf. Er fordert Mitbestimmung…

  • für basisdemokratisch organisierte Gruppen, nicht Nationalstaaten
  • basierend auf Argumenten, nicht auf Status -> Machtkritik!
  • in Form von Vetorechten bei Betroffenen (zutiefst partizipativ!)
  • durch das Konsensprinzip (mehr dazu im was wäre wenn-Magazin)
  • bei der Effizienz – weg von rein ökonomischer, hin zu sozialer Effizienz

Einen guten Überblick der verschiedenen anarchistischen Demokratie- und Entscheidugsfindungsansätze – die eben genannten fünf Punkte basieren darauf – liefert das 76-seitige Büchlein “Anarchie als Direktdemokratie” von Ralf Burnicki.

Der leider Anfang 2019 verstorbene Erik Olin Wright, Begründer einer emanzipatorischen Transformationsforschung und Autor von “reale Utopien”, beschäftigte sich wissenschaftlich vor allem mit Marxismus und Sozialismus. Auf diesem Weg entwickelte er jedoch ein klar anarchistisches Zukunftsbild gesellschaftlicher Entscheidungsfindung:

In einer völlig demokratischen Gesellschaft würden alle Menschen den weitgehend gleichen Zugang zu den notwendigen Bedingungen haben, um in bedeutungsvoller Weise an jenen Entscheidungen mitzuwirken, die ihr Leben beeinflussen. Diese Definition von Demokratie vorausgesetzt, gibt es zwei Hauptwege, auf denen eine Gesellschaft dabei versagen könnte, demokratische Werte zu realisieren. Sie könnte erstens den Test »gleicher Zugang« dann nicht bestehen, wenn einige Menschen einen stärkeren Zugang als andere zu politischer Macht haben. Zweitens kann eine Gesellschaft gemessen an dem Anspruch versagen, demokratische Werte zu realisieren, weil wichtige Entscheidungsfelder, die einen wesentlichen Einfluss auf das Leben vieler Menschen haben, vom kollektiven Entscheidungsprozess ausgeschlossen sind.

Michael Brie (Hrsg.)
Durch Realutopien den Kapitalismus transformieren (Seite 67)

Spannend ist diese Vorstellung von Demokratie vor allem deshalb, weil gerade der Kommunismus immer an Eliten gescheitert ist, die sich über “das Volk” im Sinne des Proletariats gestellt haben. Sie wollten vorgeben, was gut für alle ist. Der Inbegriff von Herrschaft. Sehr eindrücklich schildert das George Orwell – berühmt geworden durch sein dystopisches Meisterwerk 1984 – basierend auf seinen persönlichen Erfahrungen bei der Revolution in Katalonien. 1936 stellte sich Francos Militärputsch zunächst eine Koalition aus Kommunisten und Anarchisten entgegen – zunächst äußerst erfolgreich.

Orwell schwärmt eindrücklich von den Lebensumständen und dem Glück, das er erlebte – aber auch von massiven Produktivitätssteigerungen durch die Eigenverantwortlichkeit der Menschen. Im Laufe des Bürgerkriegs stellte sich die kommunistische Partei – unter dem Einfluss der Sowjetunion – jedoch gegen ihre ehemaligen Verbündeten. Während Deutschland und Italien Franco unterstützten, entwickelte sich auf der anderen Seite eine Abhängigkeit von Stalin – der Rest der Weltgemeinschaft sah weg. Unter diesen Bedingungen scheiterte das vielversprechend gestartete anarchistische Projekt in Katalonien mit seiner Hauptstadt Barcelona.

Emma Goldman entwickelte während der bolschewistischen Machtübernahme eine entsprechende Herrschaftskritik. An der russischen Revolution teilnehmend schrieb sie: “Die Revolution wird während der Revolution gemacht – nicht hinterher.” Damit kritisiert sie die kommunistischen Führer, die, wie sie nachzeichnet, mehr an dem Ausbau ihrer Macht, denn an inhaltlicher Veränderung interessiert waren. Ihr Text und weitere Basistexte sind in dem umfangreichen Sammelband “Anarchismus – Theorie, Kritik, Utopie” bereits 1970 erschienen.

Die grandiose Fantasyautorin Ursula Le Guin zeichnet in ihrem Buch “Freie Geister” eine anarchistische Utopie, die sie gleichzeitig auch wieder kritisiert. Die differenzierte Auseinandersetzung scheint mir sehr wertvoll. Absoluter Lesetipp!

Anarchistische Praxis für jederfrau wird in “Applaus dem Anarchismus” anskizziert. Einfache Beispiele wie der Umgang mit roten Ampeln helfen unsere Werte mit anarchistischen abzugleichen. Ebenfalls sehr lesenswert.

Praktischer Anarchismus findet sich oft im sogenannten Linksradikalem Spektrum, welche radikal Staats- und Konzernherrschaft ablehnen. Ich würde in jedem denkbaren Kontext radikal für die Werte als Orientierungshilfe plädieren und mich dem Spannungsverhältnis radikaler Kritik auseinandersetzen, wie hier an dem G20-Hamburg-Beispiel exerziert werden kan.

Dokumentation über reale anarchistische Projekte

Es deuten sich aber auch ein paar Probleme anarchistischer Praxis an, für die ich momentan keine Lösungen habe, die ich hier aber gerne nennen möchte:

  • Gewalt: Für die Herbeiführung der Revolution sind einige AnarchistInnen bereit Gewalt anzuwenden. Das kann ich als Pazifist nur ablehnen. Ebenso glaube ich nicht an “die Revolution”, da sie im Prinzip mit den Werten individueller Freiheit kollidieren.
  • Sozialdarwinismus: Anschließend an den eben genannten Punkt, darf die Freiheit der Einzelnen nicht zu verantwortungslosem Hedonismus oder dem Recht der Stärkeren ausarten.
  • Entscheidungsstau: Wenn alle immer Veto-Rechte haben, wie können wir dann Entscheidungen fällen?

Meine Einbildung: Sprache hinterfragen, Worte historisch einordnen, Demokratie über 50+1 hinaus gut finden, Anarchie als Denkgebilde im Alltag berücksichtigen.

Blogadmin, Zukunftsforscher und praktischer Tranfsformationsagent bei Kiezbett. Mehr über den Blogansatz unter dem Menüpunkt Philosophie.

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