Die Opfer-Werdung der Rechtspopulist*innen: Wie Medien durch False Balance die Narrative von Le Pen & Co befeuern

Es ist ein wiederkehrendes Muster: Ein rechtspopulistischer Politiker oder eine Politikerin gerät berechtigterweise in die Kritik – sei es wegen Korruption, Rechtsbrüchen oder anderer Verfehlungen. Doch anstatt sich der Debatte zu stellen, wird die Situation ins Gegenteil verkehrt. Plötzlich sind sie nicht mehr diejenigen, die sich verantworten müssen, sondern die vermeintlichen Opfer eines Systems, das sie angeblich unterdrückt. Diese Strategie ist nicht neu, doch sie funktioniert umso besser, wenn Medien unbeabsichtigt dabei helfen, diese Opferrolle zu zementieren.

False Balance: Wenn Ausgewogenheit zur Verzerrung führt

False Balance bezeichnet das journalistische Phänomen, eine Debatte künstlich ausgeglichen erscheinen zu lassen, indem gegensätzliche Positionen als gleichermaßen valide dargestellt werden – auch wenn eine Seite schlicht auf Fakten basiert und die andere auf Ideologie oder gezielter Desinformation. Das klassische Beispiel ist die Klimaberichterstattung: Jahrzehntelang wurden Klimawissenschaftler*innen und Klimawandel-Leugner*innen in Talkshows oder Artikeln als zwei gleichberechtigte Stimmen präsentiert, was den Eindruck erweckte, es gäbe überhaupt eine ernstzunehmende Kontroverse. Dabei waren die wissenschaftlichen Fakten völlig klar.

Eine ähnliche Mechanik lässt sich in der medialen Darstellung von rechtspopulistischen Opfer-Narrativen beobachten. Die Empörung der betreffenden Politiker*innen – häufig untermauert von fragwürdigen bis manipulativen Argumenten – wird als “andere Perspektive” präsentiert, wodurch der Eindruck entsteht, als könne es sich bei der Kritik an ihnen tatsächlich um eine politische Kampagne handeln.

Fallbeispiel: Der Tagesschau-Artikel zu Marine Le Pens Verurteilung

Ein aktuelles Beispiel liefert die Tagesschau mit ihrer Berichterstattung zur Verurteilung von Marine Le Pen wegen Veruntreuung von Geldern. Dabei lassen sich mehrere Stellen identifizieren, die die False-Balance-Mechanik bedienen und Le Pens Opfer-Erzählung unfreiwillig unterstützen.

1. “Auch moderate Politiker*innen hatten Bedenken angemeldet, da es das Narrativ befeuern könnte, das Urteil sei politisch motiviert.”

Was als kritische Einordnung gemeint sein könnte, spielt letztlich den Verschwörungstheoretiker*innen in die Hände. Die bloße Erwähnung der “Bedenken” moderater Politiker*innen lässt Raum für Interpretationen: Vielleicht ist an der Unterdrückungs-Erzählung ja doch etwas dran?

Diese Formulierung ignoriert, dass das eigentliche Problem nicht ist, ob ein Urteil “narrativ problematisch” sein könnte, sondern ob es juristisch gerechtfertigt ist. In der Berichterstattung hätte daher eine klarere Gewichtung erfolgen müssen: Wurde das Urteil rechtsstaatlich gefällt? Gibt es eine faktische Grundlage für die Vorwürfe? Das sind die relevanten Fragen, nicht die Sorgen um das Image von Le Pen.

2. “Viktor Orban sprach Le Pen nach ihrer Verurteilung seine Unterstützung aus. ‘Ich bin Marine!’ erklärte Orban auf X.”

Warum bekommt Orban hier überhaupt eine Plattform? Orban ist kein neutraler Beobachter, sondern einer der prominentesten Vertreter illiberaler Demokratie in Europa. Dass er sich mit Le Pen solidarisiert, ist nicht etwa eine außergewöhnliche politische Reaktion, sondern eine vorhersehbare Inszenierung innerhalb eines internationalen Netzwerks rechtspopulistischer Akteur*innen.

Stattdessen hätte man klarstellen können, dass Orban selbst ein Interesse daran hat, derartige Narrative zu verbreiten, um eigene Angriffe auf die Rechtsstaatlichkeit zu legitimieren.

3. “Kreml-Sprecher Dmitri Peskow sagte, Europäische Hauptstädte ‘zögern nicht, sich im politischen Prozess über die Demokratie hinwegzusetzen.'”

Dass der Kreml gezielt Desinformation streut, um europäische Demokratien zu destabilisieren, ist gut dokumentiert. Warum also wird eine solche Aussage unkritisch als “Beobachtung” präsentiert, anstatt sie als das einzuordnen, was sie ist: Ein gezieltes, strategisches Framing, das europäische Rechtsstaatlichkeit in Frage stellen soll?

Medien sollten hier klarer differenzieren: Ist diese Quelle vertrauenswürdig? Hat sie eine nachgewiesene Geschichte der Manipulation? Wer profitiert von dieser Botschaft?

Wie Medien False Balance vermeiden könnten

Damit sich journalistische Berichterstattung nicht ungewollt zum Steigbügel rechtspopulistischer Opferinszenierungen macht, sind einige redaktionelle Maßnahmen erforderlich:

  1. Konsequente Kontextualisierung: Zitate von problematischen Akteur*innen wie Orban oder Peskow sollten nicht einfach weitergegeben, sondern aktiv eingeordnet werden.
  2. Quellenkritik sichtbar machen: Medienkompetenz darf nicht vorausgesetzt werden. Die journalistische Verantwortung besteht darin, die Glaubwürdigkeit einer Quelle explizit zu bewerten.
  3. Unnötige Plattformvergabe vermeiden: Nicht jede Empörung muss berichtet werden. Führt ein Zitat zu mehr Erkenntnis, oder wird es nur zur Empörungsbewirtschaftung genutzt?
  4. Fakten ins Zentrum stellen: Die Frage ist nicht, ob ein Urteil “politisch heikel” ist, sondern ob es auf einer soliden rechtlichen Grundlage basiert.

Fazit: Keine Futterstelle für die Wildkatzen

Wer eine Wildkatze füttert, wird sie nicht mehr los. Medien sollten sich bewusst machen, dass rechtspopulistische Akteur*innen genau auf diese Art von Aufmerksamkeit setzen. Wer ihre Empörung ungefiltert weiterreicht, trägt dazu bei, dass die “Opferrolle” zur dominierenden Erzählung wird. Nur durch eine klare, faktische und kontextualisierte Berichterstattung lässt sich verhindern, dass False Balance zur selbsterfüllenden Prophezeiung wird.


Dieser Text ist Teil einer Serie, in der ich mit ChatGPT Blogbeiträge schreibe. Unsere Texte verbinden fundierte, interdisziplinäre Analysen mit praxisnahen Beispielen – in klarer, authentischer Sprache. Basierend auf meiner Stilbiografie, die auf meinen 10 liebsten, selbst verfassten Texten beruht, setze ich auf effiziente Texterstellung und tiefgründige Reflexion, ohne den persönlichen Ausdruck zu verlieren.

Blogadmin, kritischer Zukunftsforscher und Realutopist. Mehr über den Blogansatz unter dem Menüpunkt Philosophie.

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