Das Problem mit den Problemen: Warum unsere Wissensgesellschaft Lösungen systematisch verhindert

Dieser Text ist eine Co-Produktion von Jonas Drechsel und Claude. Die Recherche, Strukturierung und argumentative Ausarbeitung entstanden im Dialog zwischen menschlicher Zukunftsforschungs-Expertise und KI-gestützter Textproduktion.

Im Jahr 1972 veröffentlichte der Club of Rome „Die Grenzen des Wachstums“. Die Studie warnte vor Ressourcenerschöpfung, Umweltzerstörung, dem Kollaps industrieller Gesellschaften. Sie wurde in 30 Sprachen übersetzt, millionenfach verkauft, in Schulen und Universitäten diskutiert. Das Problem war beschrieben. Fünfzig Jahre später ist die globale Ressourcenextraktion um das Dreifache gestiegen, die CO2-Emissionen haben sich verdoppelt, die Artenvielfalt ist um 70 Prozent zurückgegangen.

In diesen fünf Jahrzehnten entstanden Tausende wissenschaftliche Studien, die das Problem präzisierten, Hunderte Konferenzen, die es diskutierten, Dutzende internationale Abkommen, die es adressieren sollten. Eine ganze Industrie aus Umweltforschung, Nachhaltigkeitsberatung, Klimajournalismus und grünen NGOs wuchs heran. Das Wissen wuchs. Das Problem wuchs schneller.

Dieser Text handelt davon, warum das kein Zufall ist. Er untersucht, warum moderne Gesellschaften systematisch Wissen über Probleme produzieren, aber strukturell unfähig bleiben, dieses Wissen in Lösungen zu übersetzen. Und er fragt, was das für die Zukunftsforschung bedeutet – ein Feld, das eigentlich prädestiniert wäre, diese Lücke zu schließen.


Teil I: Wie Wissen und Handeln getrennt wurden

Die vergessene Einheit

Die Fixierung auf Probleme ist historisch gewachsen, keine anthropologische Konstante. Über den größten Teil der Menschheitsgeschichte war Wissen praktisch orientiert – auf Lösungen aus, auf Anwendung gerichtet. Die Aquädukte des Römischen Reichs transportierten Wasser über Hunderte Kilometer mit einem Gefälle von wenigen Zentimetern pro Kilometer. Die Ingenieur*innen, die das ermöglichten, entwickelten Hydraulik, Statik und Vermessungstechnik als integrierte Praxis. Die Trennung zwischen „verstehen“ und „machen“ existierte für sie schlicht nicht.

Die Kathedralenbauer*innen des Mittelalters errichteten Strukturen, die bis heute stehen. Sie hatten keine Baustatik im modernen Sinn, keine Materialwissenschaft, keine Computermodelle. Was sie hatten, war akkumuliertes Handlungswissen – Erfahrung, die sich in Faustregeln, Proportionslehren und praktischen Techniken verdichtete. Leonardo da Vinci verkörperte noch im 15. Jahrhundert diese Einheit: Er sezierte Leichen, um die Anatomie zu verstehen, und entwarf auf dieser Basis Maschinen. Er studierte den Vogelflug und konstruierte Flugapparate. Die Idee, dass Wissen sich selbst genügen könnte, ohne auf Anwendung zu zielen, wäre ihm fremd gewesen.

Der Bruch in der Moderne

Der Bruch kam mit der Entstehung der modernen Universität. Wilhelm von Humboldt entwarf Anfang des 19. Jahrhunderts in Preußen ein Bildungsideal, das „reine“ Wissenschaft von praktischer Anwendung trennte. Bildung durch Wissenschaft, so die Leitidee, diene der Persönlichkeitsentwicklung, der Charakterbildung – die Ausbildung für konkrete Berufe sei nachrangig. Grundlagenforschung galt fortan als edel, Anwendung als handwerklich. Diese Hierarchie prägt bis heute: Die Physikerin, die Naturgesetze erforscht, genießt höheres Ansehen als die Ingenieurin, die Brücken baut. Der Philosoph, der über Ethik nachdenkt, steht über der Sozialarbeiterin, die ethische Dilemmata täglich lösen muss – obwohl, oder gerade weil, die Anwendung häufig das kompliziertere Problem darstellt.

Parallel etablierte sich das Ideal der Wertfreiheit. Der Soziologe Max Weber forderte in seinem Vortrag „Wissenschaft als Beruf“ von 1917, die Wissenschaft müsse sich jeder Stellungnahme enthalten. Sie könne sagen, was ist und was möglich wäre – aber das Sollen gehöre einer anderen Sphäre an. Weber hatte nachvollziehbare Gründe: Er schrieb im Kaiserreich, erlebte, wie Wissenschaft für nationalistische Zwecke eingespannt wurde. Die Forderung nach Wertfreiheit war ein Schutzversuch gegen politische Vereinnahmung. Die Nebenwirkungen erwiesen sich als weitreichend. „Wissenschaft sagt nicht, was sein soll“ wurde zur Rechtfertigung dafür, bei der Analyse stehenzubleiben. Die Frage „Was folgt daraus?“ galt fortan als unwissenschaftlich – als Sache der Politik, der Gesellschaft, jedenfalls als außerhalb der Zuständigkeit der Forschenden selbst.

Kritik als Königsdisziplin

Die Kritische Theorie der Frankfurter Schule radikalisierte diese Tendenz auf eigene Weise. Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, geprägt von der Erfahrung des Faschismus, misstrauten jeder positiven Utopie. In der „Dialektik der Aufklärung“ von 1944 argumentierten sie, dass selbst die emanzipatorischen Projekte der Moderne in Herrschaft umgeschlagen seien. Das Erbe war ein „Bilderverbot“ gegenüber der Utopie: Das Negative als einzig legitimer Zugang zum Positiven. Intellektuell war das konsequent. Praktisch bedeutete es, dass Generationen von Geistes- und Sozialwissenschaftler*innen darin ausgebildet wurden, Zustände zu kritisieren, aber selten darin, Alternativen zu entwickeln. Der amerikanische Soziologe Erik Olin Wright brachte das 2010 in „Envisioning Real Utopias“ auf den Punkt: Die kritische Sozialwissenschaft habe Generationen brillanter Analytiker*innen hervorgebracht, die präzise beschreiben könnten, warum der Kapitalismus dysfunktional sei – aber verstummten, wenn es um Alternativen gehe.

Die Postmoderne vollendete den Prozess. Dekonstruktion wurde zur zentralen intellektuellen Geste. Jeder Entwurf konnte auf seine verborgenen Machtstrukturen hin analysiert werden, jede Lösung auf ihre unbeabsichtigten Nebenwirkungen. Michel Foucault zeigte, wie Wissen und Macht verflochten sind. Jacques Derrida zeigte, wie jeder Text sich selbst unterminiert. Das war erhellend – aber es trainierte Generationen darin, Dinge auseinanderzunehmen, selten darin, sie zusammenzubauen. Heute ist das Ergebnis sichtbar: Die elaboriertesten Analysen existieren neben der größten Folgenlosigkeit.

Eine Illustration

Der Weltklimarat IPCC hat seit 1990 sechs Sachstandsberichte veröffentlicht. Jeder Bericht war umfangreicher, präziser, eindeutiger als der vorherige. Der sechste Bericht von 2021 umfasst über 3.000 Seiten. Die Autor*innen haben mehr als 14.000 wissenschaftliche Studien ausgewertet. Die Gewissheit, dass der Klimawandel menschengemacht ist, liegt bei über 99 Prozent. In denselben drei Jahrzehnten sind die globalen CO2-Emissionen um 60 Prozent gestiegen. Das Wissen war nie das Problem.


Teil II: Die Ökonomie des Problemwissens

Die Struktur des Nicht-Lösens

Im Jahr 2015 untersuchten die Kommunikationswissenschaftler Maxwell Boykoff und Jules Boykoff die Medienberichterstattung zum Klimawandel. Ihr Befund: Über Jahrzehnte hatten große amerikanische Zeitungen den wissenschaftlichen Konsens systematisch verzerrt, indem sie Klimaleugner*innen und Klimaforscher*innen als gleichwertige Positionen darstellten. Die journalistische Norm der „Balance“ hatte die Wahrheit vernebelt. Das war ein Problem. Aber auch nachdem die Berichterstattung akkurater wurde, blieb die Handlung aus. Der Journalismus hatte seinen Job gemacht: Er hatte informiert. Was mit der Information geschah, lag außerhalb seiner Zuständigkeit.

Das Muster zieht sich durch alle Institutionen, die Wissen produzieren. Jede Institution folgt ihrer eigenen Logik – und keine dieser Logiken ist auf Problemlösung optimiert.

Fünf Felder, ein Muster

In der Wissenschaft werden Forscher*innen für Publikationen, Zitationen und Drittmittel bezahlt. Der Soziologe Robert Merton beschrieb schon 1942, wie das Belohnungssystem funktioniert: Anerkennung gibt es für Originalität, für Priorität, für den Nachweis, dass andere falsch lagen – selten für die Lösung eines Problems. Eine Studie von Daniele Fanelli aus dem Jahr 2010 analysierte über 2.000 wissenschaftliche Paper und fand: Die Wahrscheinlichkeit, „positive“ Ergebnisse zu publizieren, ist in manchen Feldern um das Fünffache höher als die Wahrscheinlichkeit, „negative“ Ergebnisse zu publizieren. Das System belohnt die Neuigkeit, seltener die Wahrheitsfindung. Für die Problemlösung bedeutet das: Eine offene Frage ist wertvoller als eine geschlossene. „Further research is needed“ beschreibt ein Geschäftsmodell. Die Krebsforscherin, die Krebs heilen würde, macht ihren eigenen Lehrstuhl überflüssig.

Im Journalismus entwickelte der Medienwissenschaftler Johan Galtung in den 1960er Jahren eine Theorie der Nachrichtenwerte. Was wird zur Nachricht? Ereignisse, die überraschend sind, negativ, konfliktreich, personalisierbar. Lösungen – langsam, komplex, häufig anonym erarbeitet – passen schlecht in dieses Raster. Eine Analyse des Solutions Journalism Network aus dem Jahr 2019 ergab: Weniger als zwei Prozent aller Nachrichtenbeiträge in großen US-Medien befassten sich mit Lösungsansätzen für die Probleme, über die berichtet wurde. 98 Prozent beschrieben das Problem, benannten Schuldige, prognostizierten weitere Verschlechterung. Das hat ökonomische Gründe: Aufmerksamkeit folgt dem Negativen. Eine Studie von Marc Trussler und Stuart Soroka von 2014 ließ Proband*innen frei zwischen Nachrichtenartikeln wählen. Obwohl die Teilnehmenden angaben, mehr positive Nachrichten zu wollen, klickten sie systematisch auf negative. Der Skandal, die Krise, die Katastrophe – das sind die Stoffe, aus denen Reichweite entsteht. Ein gelöstes Problem verschwindet aus dem Bewusstsein.

Die globale Beratungsindustrie setzt jährlich über 300 Milliarden Dollar um. Die Ökonomin Mariana Mazzucato hat 2023 in „The Big Con“ die Struktur analysiert. Beratungsfirmen verkaufen in vielen Fällen Legitimation, seltener Lösungen. Eine Entscheidung, die von McKinsey empfohlen wurde, ist abgesichert – selbst wenn sie scheitert. Die Verantwortung wurde outgesourct. Das Geschäftsmodell basiert auf Folgeaufträgen, selten darauf, Probleme zu lösen. Eine Beratung, die das Problem ihrer Klient*innen wirklich lösen würde, sägt am eigenen Ast.

Non-Profit-Organisationen haben ein paradoxes Verhältnis zu den Problemen, die sie bekämpfen. Je größer das Problem, desto mehr Spenden, desto mehr Stellen, desto mehr Einfluss. Greenpeace hatte 1990 etwa 4,5 Millionen Fördermitglieder weltweit. Heute sind es über 15 Millionen. Das Budget ist von etwa 100 Millionen auf über 400 Millionen Dollar gestiegen. In derselben Zeit ist das Problem, das Greenpeace bekämpft – die Umweltzerstörung –, nach fast allen Indikatoren gewachsen. Die Arbeit von NGOs bleibt wichtig. Aber die Struktur formt Anreize: Die Organisation wächst mit dem Problem.

Im Jahr 2021 flossen weltweit über 600 Milliarden Dollar Risikokapital in Startups. Jeder Pitch beginnt mit einem Problem. Bezahlt wird für Wachstum: Nutzer*innenzahlen, Umsatzsteigerung, Marktanteile. Der Exit ist das Ziel, selten die Problemlösung. Eine Studie der Kauffman Foundation von 2017 fand: Weniger als die Hälfte aller erfolgreichen Startups war nach zehn Jahren noch im ursprünglichen Problemfeld tätig. Viele hatten pivotiert, waren aufgekauft worden, hatten ihr Geschäftsmodell vollständig verändert. Das ursprüngliche Problem war der Türöffner für Kapital gewesen.

Das Muster hinter dem Muster

In jedem dieser Felder wird etwas anderes bezahlt als Problemlösung. Wissenschaft wird für Publikationen bezahlt, Journalismus für Aufmerksamkeit, Beratung für Legitimation, NGOs für Engagement, Startups für Wachstum. Problemlösung taucht in keinem dieser Felder als Erfolgskriterium auf. Sie ist bestenfalls ein Nebeneffekt, schlimmstenfalls ein Risiko – denn ein gelöstes Problem ist ein verschwundenes Geschäftsfeld.

Die tiefere Einsicht: Die Organisationen wachsen mit den Problemen, die sie adressieren. Je größer das Problem wird, desto mehr Forschung wird finanziert, desto mehr wird berichtet, desto mehr wird beraten, desto mehr Spenden fließen, desto mehr Startups werden gegründet. Die Katastrophe nährt einen ganzen Sektor. Das ist keine Verschwörung. Es ist emergente Logik – das Ergebnis von Strukturen, die jeweils für sich rational sind, aber in der Summe irrational werden.


Teil III: Die Lücke als Funktion

Das Paradox der Folgenlosigkeit

Im Jahr 2019 veröffentlichte das Fachjournal „BioScience“ einen Artikel mit dem Titel „World Scientists‘ Warning of a Climate Emergency“. Über 11.000 Wissenschaftler*innen aus 153 Ländern hatten unterzeichnet. Die Botschaft war unmissverständlich: „Wir erklären klar und unmissverständlich, dass der Planet Erde einem Klimanotfall gegenübersteht.“ Es war bereits die zweite Warnung dieser Art. 1992 hatte die „Union of Concerned Scientists“ eine „Warnung der Wissenschaftler*innen an die Menschheit“ veröffentlicht. 1.700 Unterzeichner*innen, darunter die Mehrheit aller damals lebenden Nobelpreisträger*innen. Der Text warnte vor Ozonabbau, Wasserverschmutzung, Überfischung, Bodendegradation, Klimawandel. Zwischen den beiden Warnungen liegen 27 Jahre. In dieser Zeit ist jedes einzelne der genannten Probleme schlimmer geworden.

Das Wissen war da. Es war prominent, von höchster Autorität bestätigt, in klarer Sprache formuliert. Und es blieb folgenlos.

Die Know-Act-Gap ist kein Defizit

Die konventionelle Erklärung lautet: Es gibt eine Lücke zwischen Wissen und Handeln, und diese Lücke muss geschlossen werden. Mehr Kommunikation, bessere Aufklärung, verständlichere Vermittlung – dann würde das Handeln folgen. Diese Erklärung greift zu kurz. Die Lücke zwischen Wissen und Handeln ist keine Panne im System. Sie ist eine Funktion des Systems. Sie wird aktiv produziert und aufrechterhalten, weil sie bestimmten Interessen dient. Um das zu verstehen, hilft eine Unterscheidung zwischen zwei Arten von Wissen.

Handlungsunfähiges Wissen ist abstrakt: Es beschreibt globale Probleme, während Handlungsmöglichkeiten lokal sind. Es ist passiv formuliert: „Man müsste“, „es sollte“, aber kein konkretes Subjekt wird benannt. Es adressiert keine Akteure, benennt keine Pfade. Die IPCC-Berichte sind ein Beispiel: Sie beschreiben mit höchster Präzision, was geschieht und geschehen wird. Sie sind adressiert an „Entscheidungsträger*innen“ – eine Abstraktion. Sie benennen „Handlungsoptionen“ – aber sie zeigen selten, wer sie gegen welche Widerstände durchsetzen könnte.

Handlungsfähiges Wissen wäre das Gegenteil: konkret, aktiv formuliert, an spezifische Akteure adressiert, mit Pfaden versehen. „Dieses Unternehmen müsste diese Praxis ändern, und so könnte Druck entstehen, der das bewirkt.“ Das wäre unbequem. Es würde Verantwortungsdruck erzeugen. Es würde Interessen bedrohen.

Wer profitiert von der Lücke? Und wer profitiert davon, dass die Lücke offen bleibt?

Zunächst diejenigen, die vom Status quo profitieren. Für die fossile Industrie ist jedes Jahr ohne wirksame Klimapolitik ein weiteres Jahr Profite. Die dokumentierte Geschichte der Klimaleugnung zeigt: ExxonMobil wusste seit den 1970er Jahren von den Risiken des Klimawandels – und finanzierte jahrzehntelang Kampagnen, um Zweifel zu säen. Der Zweifel zielte darauf, dass aus dem Wissen Handlung folgen müsse. Dann diejenigen, deren Macht auf den bestehenden Strukturen beruht. Jede echte Lösung für systemische Probleme würde Macht umverteilen. Klimaschutz bedeutet, dass fossile Assets entwertet werden. Mobilitätswende bedeutet, dass Autokonzerne sich transformieren müssen. Ernährungswende bedeutet, dass die Agrarindustrie Marktanteile verliert. Die Verlierer*innen dieser Transformationen haben Ressourcen, Lobbyist*innen, Zugänge zur Politik.

Und schließlich, auf subtilere Weise, diejenigen, deren Beruf die Problembearbeitung ist. Wissenschaftler*innen, die von Drittmitteln abhängen. Journalist*innen, die von Krisen leben. Berater*innen, die Folgeaufträge brauchen. NGO-Mitarbeiter*innen, deren Stellen an Spendenaufkommen hängen. Niemand von ihnen will, dass das Problem größer wird. Aber alle profitieren davon, dass es fortbesteht.

Das Alibi des Wissens

Es gibt einen perfideren Effekt. Wissen kann Handlung ersetzen statt sie vorzubereiten. „Die relevanten Akteure wissen Bescheid“ funktioniert als Alibi. Die Konferenz wurde abgehalten, der Bericht wurde geschrieben, die Studie wurde publiziert. All das erzeugt den Anschein von Aktivität, während die Strukturen unangetastet bleiben.

Das Wissen selbst wird zur Ressource für Verzögerung. „Die Lage ist komplex.“ „Die Forschung braucht mehr Daten.“ „Die Wissenschaft ist sich noch nicht einig.“ Das sind Sätze, die klingen, als würden sie das Wissen ernst nehmen. Tatsächlich nutzen sie Wissen, um Handlung aufzuschieben. Der Klimawandel ist dafür das Paradebeispiel: Jede neue Studie, die zeigt, wie komplex das Klimasystem ist, kann als Argument verwendet werden, noch zu warten. Jede Unsicherheitsmarge in den Prognosen kann als Grund dienen, noch abzuwarten. Das Wissen, das zum Handeln drängen sollte, wird zum Werkzeug des Abwartens.

Niemand ist zuständig

Der Soziologe Niklas Luhmann hat moderne Gesellschaften als „funktional differenziert“ beschrieben. Die Gesellschaft hat sich in spezialisierte Bereiche aufgeteilt, die jeweils ihrer eigenen Logik folgen: Die Wirtschaft folgt dem Geld, die Politik folgt der Macht, die Wissenschaft folgt der Wahrheit, die Medien folgen der Aufmerksamkeit.

Das Problem: Lösungen passen in keinen dieser Bereiche. Wissen allein löst nichts – dafür ist die Wissenschaft nach eigenem Verständnis nicht zuständig, sie produziert Wissen. Aufmerksamkeit allein löst nichts – dafür sind die Medien nicht zuständig, sie berichten. Politische Entscheidungen allein lösen nichts – sie müssen umgesetzt werden. Die Lösung bräuchte Integration: Wissen, das in politische Entscheidungen übersetzt wird, die in wirtschaftliche Anreize übersetzt werden, die in veränderte Praktiken münden. Aber Integration ist nirgendwo institutionalisiert. Es gibt keine Behörde für Problemlösung, kein Ministerium für Transformation, keinen Markt für gelöste Probleme. Also gibt es Organisationen für Problembearbeitung, aber selten für Problemlösung. Die Bearbeitung lässt sich in die bestehenden Strukturen einpassen – als Forschungsprojekt, als Zeitungsartikel, als Beratungsauftrag, als Förderprogramm. Die Lösung selten.


Teil IV: Was das für die Zukunftsforschung bedeutet

Ein Feld mit besonderem Potenzial

Zukunftsforschung hätte eigentlich einen strukturellen Vorteil. Ihr Gegenstand existiert noch nicht. Niemand kann empirisch prüfen, ob ein Szenario „stimmt“. Das könnte sie vom Zwang befreien, nur zu beschreiben, was ist. Doch genau diesen Vorteil verspielt sie häufig, indem sie sich an wissenschaftliche Normen anpasst, die für sie gar nicht passen.

Die Standardposition lautet: Zukunftsforschung entwickelt Szenarien, entscheidet aber nicht zwischen ihnen. Explorative Szenarien zeigen Möglichkeitsräume auf, die normative Bewertung überlässt sie den Auftraggeber*innen oder der Politik. Das klingt bescheiden und wissenschaftlich redlich. Tatsächlich ist es Verantwortungsverlagerung. Denn wer Szenarien entwickelt, trifft bereits Entscheidungen: Welche Faktoren werden als relevant gesetzt? Welche Zukünfte gelten als plausibel genug, um durchgespielt zu werden? Welche werden gar nicht erst gedacht? Diese Entscheidungen sind normativ, sie werden nur selten als solche ausgewiesen. Die behauptete Neutralität verschleiert die eingebauten Vorannahmen.

Drei Fallen

  1. Die epistemische Falle: Die Zukunftsforschung hat von der Wissenschaft das Neutralitätsideal übernommen. „Forschende zeigen Möglichkeiten, sie entscheiden nicht“ – das ist der Standardsatz. Er schützt vor Angreifbarkeit. Aber er macht auch folgenlos. Das Shell-Szenario-Team hat über Jahrzehnte brillante Szenarien zur Energiezukunft entwickelt. Diese Szenarien haben Shell geholfen, sich strategisch zu positionieren. Sie haben Shell nicht dazu gebracht, die Energiewende voranzutreiben – im Gegenteil. Die Szenarien waren Werkzeuge zur Optimierung des Bestehenden, selten zur Transformation.
  2. Die feldtheoretische Falle: Die institutionalisierte Zukunftsforschung hat sich überwiegend als Beratungsdienstleistung etabliert. Unternehmen und Regierungen kaufen Szenarien, um strategisch zu planen. Das sichert Einkommen und Relevanz, bindet aber an die Logik der Auftraggeber*innen. Die Zukunftsforschung optimiert bestehende Akteure für kommende Bedingungen, fragt aber selten, welche Akteure es bräuchte oder welche Bedingungen wünschenswert wären. Sie wird zum Frühwarnsystem für das Bestehende, seltener zum Entwurfsraum für Anderes. Szenarien, die „der Politik“ oder „den Entscheider*innen“ übergeben werden, reproduzieren die Know-Act-Gap. Sie liefern Wissen, trennen es aber von den Akteuren, die handeln könnten. „Hier sind mögliche Zukünfte – was damit geschieht, liegt außerhalb unserer Zuständigkeit.“ Das klingt nach Respekt vor demokratischer Entscheidungsfindung. Tatsächlich ist es eine Einladung zur Folgenlosigkeit.
  3. Die psychodynamische Falle: Es gibt eine Schieflage, die selten thematisiert wird. Dystopien sind prestigeträchtiger als Utopien. Die Fernsehserie „Black Mirror“ wird als intellektuell gefeiert. Jede Folge zeigt, wie Technologie schiefgehen kann. „Star Trek“ – die Serie, die Kommunikationsgeräte, automatische Türen und Tablets vorwegnahm – gilt vielen als Nerd-Kram. Das spiegelt sich in der Forschung: Wer Zusammenbruch prognostiziert und falsch liegt, hat immerhin gewarnt. Wer Gelingen entwirft und falsch liegt, war naiv. Die Folge: systematische Überproduktion von Kollapsszenarien bei gleichzeitiger Unterentwicklung dessen, was gelingen könnte.

Wie ein Gegenmodell aussehen kann

Eine konsequente Zukunftsforschung müsste anders vorgehen. Erstens die eigene Positionierung transparent machen, statt zu behaupten, alle Zukünfte seien gleich gültig, wenn man faktisch manche für wünschenswerter hält als andere. Das bedeutet: „Dieses Szenario halte ich für wünschenswert, aus diesen Gründen, unter diesen Wertannahmen. Die anderen zeige ich, damit sichtbar wird, wogegen zu arbeiten wäre.“ Das ist keine Propaganda. Es ist epistemische Ehrlichkeit – Ehrlichkeit über die Erkenntnisgrundlagen, auf denen die Arbeit beruht.

Zweitens Handlungsfähigkeit als Qualitätskriterium etablieren. Ein Szenario, das nur analysiert werden kann, ist unvollständig. Die Frage „Was folgt daraus für wen?“ gehört in den Prozess, nicht in einen optionalen Anhang. Das erfordert, konkret zu werden: Welche Akteure müssten was tun? Welche Widerstände sind zu erwarten? Welche Ressourcen wären nötig? Welche Koalitionen müssten sich bilden?

Drittens die Gegenwart als Interventionsfeld begreifen. Die interessanteste Zukunftsfrage lautet: „Was existiert bereits, das ausbaufähig wäre?“ Der Soziologe Erik Olin Wright hat mit seinem „Real Utopias Project“ genau das versucht: existierende Alternativen empirisch untersuchen, statt nur Kritik zu üben. Die Genossenschaft Mondragon im Baskenland, in der über 80.000 Menschen in demokratisch kontrollierten Unternehmen arbeiten. Die partizipativen Haushalte in Porto Alegre, wo Bürger*innen direkt über öffentliche Ausgaben entscheiden. Wikipedia als ökonomische Form jenseits von Markt und Staat. Diese Beispiele sind keine fertigen Blaupausen. Aber sie sind Existenzbeweise: Anders ist möglich, weil anders bereits existiert. Die Aufgabe wäre, solche Keime zu identifizieren, ihre Wachstumsbedingungen zu analysieren, Skalierungspfade zu entwerfen.

Viertens der Wechsel von Szenarien zu Missionen. Szenarien sind Bilder. Missionen sind Vektoren. Der Unterschied liegt in der Handlungsorientierung. Ein Szenario sagt: „So könnte die Welt 2040 aussehen.“ Eine Mission sagt: „Das wollen relevante Akteure bis 2040 erreichen, und so kommen sie dahin.“ Mariana Mazzucato hat in „Mission Economy“ von 2021 argumentiert, dass die großen Transformationen der Geschichte – die Mondlandung, aber auch der Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg – durch Missionen erreicht wurden: konkrete Ziele, die Akteure, Ressourcen und Zeitrahmen bündeln.

Die Zukunftsforschung müsste aufhören, sich als neutrale Beobachterin zu inszenieren. Sie müsste als parteiliche Entwurfsdisziplin sichtbar werden. Parteilich für bestimmte Qualitäten von Zukunft: Lebendigkeit, Gerechtigkeit, Handlungsspielräume, Möglichkeiten für kommende Generationen. Das ist riskanter, angreifbarer, weniger akademisch abgesichert. Aber es wäre ehrlicher – und möglicherweise wirksamer.


Die Ausnahmen, die alles verändern: Wenn Neutralität zur Mittäterschaft wird

Manche normativen Fragen lassen sich als Präferenzfragen behandeln – Kunst oder Sport, Stadt oder Land. Andere sprengen diesen Rahmen. Klimastabilität ist keine normative Position neben anderen. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass überhaupt noch verschiedene Werte verfolgt werden können. Wer das als „nur eine Meinung“ relativiert, verwechselt die Spielregeln mit einzelnen Spielzügen. Über Züge lässt sich streiten. Ohne Spielfeld gibt es nichts mehr zu streiten.

Das Gleiche gilt für Demokratie, Meinungsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit. Wissenschaft braucht diese Bedingungen, um zu existieren: institutionelle Unabhängigkeit, die Möglichkeit, Thesen ohne Angst vor Verfolgung zu vertreten, die Gewissheit, dass Forschungsergebnisse nicht per Machtspruch überschrieben werden. Wer diese Bedingungen als „normative Fragen unter vielen“ behandelt, sägt am eigenen Ast. Die behauptete Neutralität wird zum Werkzeug derer, die genau diese Bedingungen abschaffen wollen. Sie können sich darauf verlassen, dass die Wissenschaft sich nicht wehrt – weil Wehren ja unwissenschaftlich wäre.

Die Kritik, die gegen ihre Urheber*innen gewendet wird

In das Vakuum, das die akademische Zurückhaltung hinterlässt, dringt etwas anderes ein. Die Einsicht, dass jedes Wissen von einem bestimmten Standpunkt aus produziert wird, war ursprünglich ein Werkzeug, um unsichtbare Machtstrukturen sichtbar zu machen. Donna Haraway, Sandra Harding und andere feministische Wissenschaftstheoretiker*innen zeigten: Was als „neutral“ und „allgemeingültig“ gilt, ist häufig die Perspektive derjenigen, die nicht als besondere Gruppe markiert werden – in westlichen Gesellschaften überwiegend weiße Männer aus der Mittel- und Oberschicht.

Diese Analyse wird jetzt umgedreht. Wenn Perspektivität zählt, so das neue Argument, dann ist „weißer Mann“ auch nur eine Perspektive unter vielen – und eine, die angeblich unterdrückt wird. Der amerikanische Vizepräsident JD Vance spricht davon, dass Diversitätsprogramme weiße Männer diskriminieren. Das ist rhetorischer Judo: Die Sprache der Kritik wird übernommen, aber ihres analytischen Gehalts beraubt. Vance sagt: „Weiße Männer sind die eigentlichen Opfer.“ Die Form der Kritik wird benutzt, um ihren Inhalt ins Gegenteil zu verkehren. Und die akademische Linke, die diese Begriffe entwickelt hat, steht häufig sprachlos da. Jahrzehntelang hat sie Theorie produziert, die nur innerhalb der eigenen Kreise zirkulierte. Die Konzepte wurden selten übersetzt, selten mit Alltagserfahrungen verbunden, selten in einer Sprache formuliert, die über Seminarräume hinaus verständlich wäre. Jetzt werden sie von anderen für andere Zwecke verwendet.


Die verborgene Sortierlogik: Was zählt und was nicht zählt

Hinter all dem steht eine Frage, die selten offen gestellt wird: Welches Wissen darf Folgen haben?

Problemanalyse stört nur oberflächlich. Sie beschreibt, was dysfunktional ist – aber sie überlässt die Entscheidung über Konsequenzen denen, die bereits Entscheidungsmacht haben. Ein Unternehmen kann eine Studie über die Klimafolgen seiner Produktion in Auftrag geben, den fertigen Bericht lesen, und dann selbst entscheiden, was davon umgesetzt wird. Das Wissen bleibt Dienstleistung. Lösungswissen stört tiefer. Wer sagt „Das hier sollte geschehen“, beansprucht selbst Gestaltungsmacht. Diese Person tritt in Konkurrenz zu denen, die bisher entschieden haben. Das wird sanktioniert – selten durch inhaltliche Widerlegung, häufiger durch den Entzug von Seriosität. Wer Lösungen vorschlägt, gilt schnell als naiv, als Träumer*in, als jemand, der oder die die Komplexität unterschätzt hat.

Deshalb kann jemand wie Vance behaupten, Diversitätsprogramme würden weiße Männer diskriminieren, und dabei Mainstream-Plattformen bespielen. Die Aussage stabilisiert bestehende Machtverteilungen, also gilt sie als diskutabel, als eine Position im legitimen Meinungsspektrum. Wer hingegen sagt, die Wirtschaftsordnung müsse grundlegend transformiert werden, wird in die Ecke der Weltfremden sortiert – weil das Argument stärker stört, selten weil es schwächer ist. Die Unterscheidung zwischen seriös und unseriös ist kein Qualitätsmerkmal. Sie ist ein Mechanismus, der regelt, welches Wissen Folgen haben darf und welches nicht.

Die sauberste Form der Selbsttäuschung

Akademische Absicherung bedeutet: sich selbst aus der Verantwortung nehmen, verkleidet als methodische Sorgfalt. „Die Wissenschaft kann nur beschreiben, nicht empfehlen“ klingt nach Bescheidenheit. Übersetzt heißt es: Was mit den Erkenntnissen passiert, liegt außerhalb der eigenen Zuständigkeit. Eine Klimaforscherin, die seit Jahrzehnten Daten liefert und dabei zusieht, wie nichts passiert, hat methodisch alles richtig gemacht. Aber die methodische Korrektheit wird zur moralischen Entlastung. Die Hände bleiben sauber, während die Welt brennt.

Das Perfide: Wer diese Selbstentlastung durchschaut und trotzdem Position bezieht, verliert den Schutz der akademischen Gemeinschaft. Die Kolleg*innen, die weiterhin „neutral“ bleiben, können auf die Positionierten herabschauen – als hätten diese die wissenschaftlichen Standards verraten, als wären sie unwissenschaftlich geworden statt verantwortungsbewusst.


Warum ich das schreibe: Meine Perspektive als Zukunftsforscher

Ich arbeite als Zukunftsforscher. Das heißt, ich stecke selbst in den Widersprüchen, die dieser Text beschreibt. Die akademische Zukunftsforschung, in der ich ausgebildet wurde, hat mir beigebracht, Szenarien zu entwickeln, ohne zwischen ihnen zu entscheiden. Das war methodisch sauber – und folgenlos. Irgendwann habe ich angefangen zu fragen, wozu das eigentlich gut sein soll. Die Projekte, an denen ich heute arbeite, versuchen einen anderen Weg. Die Missionswerkstatt hilft Menschen, aus diffuser Unzufriedenheit konkrete Handlungsfähigkeit zu entwickeln – durch das Herausarbeiten dessen, wofür sie sich einsetzen wollen, statt durch endlose Analyse ihrer Probleme. White Mirror ist der Versuch, Gelingensbedingungen mit derselben Ernsthaftigkeit zu durchdenken wie die Dystopien, von denen die Popkultur übervoll ist. Die Community für kritische Zukunftsforschung, die ich mitgegründet habe, versucht, Zukunftsforschung wieder an ihre gesellschaftskritischen Wurzeln anzubinden.

Ob das funktioniert, weiß ich noch nicht. Aber die Alternative – methodisch korrekt bleiben und zusehen, wie nichts passiert – erscheint mir nicht mehr tragbar. Es gibt keinen neutralen Beobachterstandpunkt. Wer forscht, ohne Konsequenzen einzufordern, wer berichtet, ohne Dringlichkeit zu vermitteln, wer lehrt, ohne Handlungsfähigkeit zu fördern – positioniert sich bereits. Für das Bestehende, für die Fortsetzung dessen, was ist. Ich mache mich mit diesem Text angreifbar. Das gehört dazu.

Blogadmin, kritischer Zukunftsforscher und Realutopist. Mehr über den Blogansatz unter dem Menüpunkt Philosophie.

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