Das fünfte Blatt bleibt leer: Eine White Mirror Zukunftsreportage

Diesen Text habe ich im Rahmen meines Fellowships am Media Lab Bayern geschrieben, in Zusammenarbeit mit Claude. Ich entwickle dort White Mirroring, eine Methode für konstruktiv-spekulatives Worldbuilding: Sie nimmt ein Untergangsnarrativ der Gegenwart und baut aus belegten Signalen eine erreichbare Zukunft, die trägt und die Sorgen trotzdem ernst nimmt.

„Das fünfte Blatt bleibt leer“ ist das Ergebnis eines vollständigen Durchlaufs durch diese Methode, vom Narrativ „Jede Lage zerfällt in zwei Seiten, und wer beides zugleich aushält, gilt als feige“ bis zur fertigen Reportage. Das Experiment dahinter: Bisher ist das Ergebnis der Methodenanwendung ein Welt-Steckbrief. Hier verprobe ich, ob sich die Welt auch im fertigen Text zeigt, in einer Reportage, die man einfach lesen kann.


Vier Karten, die jemand ausgerechnet hat, und eine, die leer bleibt

Bürgerdienst Halle an der Saale, Dienstagmorgen, März 2033. Ich treffe Marit Czerwinski um neun an ihrem Schreibtisch, mit dem zweiten Kaffee, und sie ärgert sich über die leere fünfte Karte in ihrem Stapel. Vor ihr liegt ein ganzer Packen solcher Kartensätze, kleine Bündel an einem Metallclip, jedes so leicht wie ein Päckchen Bierdeckel. Czerwinski, 43, ist Kuratorin der Ratssitzungen, ein junger Beruf. Vier Tage lang werde ich ihr über die Schulter schauen, und am Ende dieser Woche wird die leere Karte, über die sie sich gerade ärgert, eine Brache, einen Auwald und einen alten Lokalpolitiker bewegt haben.

Sie zeigt mir, wie ein Fächer funktioniert. Vier Karten halten je eine durchgerechnete Zukunft der Sache fest, um die es geht, darunter immer auch die Gegenposition zur Vorlage der Verwaltung. Die fünfte Karte bleibt leer. Sie heißt das offene Blatt und gehört der Zukunft, die noch aussteht. Erst mit dieser leeren Karte zählt ein Fächer überhaupt, so steht es in der Verfahrensordnung, seit das Amt vor vier Jahren auf das Format umgestellt hat. Vierzig Entscheidungen laufen in einer ruhigen Woche über Czerwinskis Tisch, von der Schulwegampel bis zur Vergabe einer Brache, und über jede legt sie morgens den passenden Fächer.

„Die leere Karte halten viele für Folklore“, sagt sie und tippt mit dem Finger darauf. „Pflichtübung, abhaken, weiter. Ich hab das auch lange gedacht.“ Sie lacht kurz. „Bis ich gemerkt habe, dass ich genau auf der die unbequemsten Sachen verschwinden lasse, ohne es zu merken.“ Dann steht sie auf, holt mir einen eigenen Kaffee und fängt an zu erzählen, woher das alles kommt. Es ist eine längere Geschichte, und sie beginnt weit weg von Halle.

Wie aus einem Forschungswort eine Verwaltungsroutine wurde

Das Wort, das hinter Czerwinskis Fächern steckt, prägte ein Ökonom namens Riel Miller, lange Leiter des Zukunftsbereichs der UNESCO. Jeder Mensch, sagt Miller, gebraucht ständig die Zukunft, in jeder Erwartung, jeder Vorsorge, jedem Bauchgefühl. Using the future nannte er das, den Gebrauch der Zukunft, und die Fähigkeit, ihn zu durchschauen und zu weiten, Futures Literacy. In seinen Labs, weltweit hundertfach durchgeführt, übten Menschen genau das: ihre heimlichen Annahmen über das Morgen erst sichtbar zu machen und dann zu vervielfachen.

Miller unterschied dabei zwei Sorten von Antizipation, und diese Unterscheidung steckt heute in jedem Fächer auf Czerwinskis Tisch. Die eine Sorte bereitet auf das Erwartete vor, sie plant, rechnet hoch, versichert. Das sind die vier vollen Karten. Die andere Sorte hält die Gegenwart offen für die Emergenz, für das Neue, das erst im Tun auftaucht und das jede Hochrechnung übersteigt. Das ist die leere fünfte. „Die vollen Karten kann ein gutes Modell schreiben“, sagt Czerwinski. „Das leere Blatt füllt ein Mensch, und meistens fällt ihm erst im Raum ein, was draufgehört.“

Lange blieb diese Idee eine Sache für ein paar Pioniere. Finnlands Parlament leistet sich seit 1993 ein Committee for the Future, einen parteiübergreifenden Zukunftsausschuss, der die Regierung zum Bericht über die langen Linien verpflichtet. Wales schrieb 2015 mit dem Well-being of Future Generations Act die Pflicht ins Gesetz, bei jeder Entscheidung die noch Ungeborenen mitzudenken. 2024 zogen die Vereinten Nationen mit dem Pact for the Future und einer Declaration on Future Generations nach. Lauter ehrenwerte Anfänge, die jahrzehntelang weit weg blieben vom Küchentisch einer Verwaltungskraft in Halle. Was die Idee schließlich aus der Nische riss, war eine Krise.

Der Frühling, in dem neun Prognosen im selben Feed standen

Um die Krise zu verstehen, lohnt sich ein Gespräch mit jemandem, der die alte Welt vermisst. Lutz Reinsch, 67, sitzt seit dreißig Jahren in der hallischen Kommunalpolitik, heute als Berater, und er erzählt mir die Vergangenheit am liebsten in einem Satz. „Früher hat man gewusst, wo man steht. Ich war dagegen, die anderen dafür, einer hat gewonnen. Sauber.“ In dieser alten Welt war eine Meinung ein Standort. Wer im Stadtrat umschwenkte, erntete am nächsten Morgen den Spott der eigenen Fraktion und das Misstrauen der anderen, und die Lokalzeitung schrieb von einer Kehrtwende. Jede Lage zerfiel in zwei Seiten, und reife Haltung hieß, sich einzusortieren. Wer beides zugleich aushielt, galt als feige.

Czerwinski erinnert sich an den Frühling, in dem dieses Schema zerbrach. Eines Morgens standen in ihrem Feed neun gleich überzeugende Prognosen zur Rente, jede mit Quellen, jede mit Diagrammen, jede unwiderlegbar. Die generativen Modelle waren so gut geworden, dass jedes Lager seine wasserdichte Zukunft bekam. Die einen belegten den Kollaps, die anderen den Aufschwung, und beide hatten Fußnoten. „Zehntausend gleich gute Lügen erschlagen jeden Faktencheck“, sagt sie. „Eine Weile haben die Redaktionen noch versucht, die eine wahre herauszusieben. Dann haben sie aufgegeben, und mit ihnen haben die Leute abgeschaltet.“ Eine Gesellschaft, in der jede Behauptung gleich beweisbar ist, landet am selben Punkt wie eine, in der alles gleich gleichgültig wird.

Aus dieser Erschöpfung kippte die Erwartung in die andere Richtung. Wer fortan etwas behauptete, sollte seine Alternativen gleich mitliefern. Eine einzelne Zukunft vorzulegen galt erst als unhöflich, dann als verdächtig, schließlich als ungültig, ähnlich wie eine Statistik ohne Quelle. Dieselben Empfehlungssysteme, die vorher die Lager gegeneinander aufgehetzt hatten, sortierten nun Alternativen auf den Tisch. Die Maschine blieb dieselbe, ihr Auftrag wurde ein anderer. „Das Befreiende daran“, sagt Czerwinski, und zum ersten Mal an diesem Morgen klingt sie wach, „ist die Erlaubnis, sich zu irren. Du darfst deine Meinung ändern, jederzeit. Wenn ich das tue, habe ich einfach die nächste Karte gelesen. Stell dir vor, was das in einer Familie macht, in einem Stadtrat, in einem Land, das sich dreißig Jahre lang angeschrien hat.“

Was an einem Auwald hängt, den niemand auf die Karte schrieb

Am Vormittag sitze ich in einer Sitzung, in der genau das auf die Probe gestellt wird. Auf dem Tisch liegt eine Brache an der Saaleaue, ein paar Hektar zwischen Gleis und Fluss, und Czerwinskis Fächer zeigt vier Vergaben: einen Logistikhof, einen Gewerbepark, eine Mischung aus Gewerbe und Wohnen, ein Solarfeld. Die fünfte Karte ist leer. Vor der Sitzung gesteht sie mir, welche Zukunft sie weggelassen hat: die Brache der Aue zurückzugeben und auf das Bauen zu verzichten. Teuer, und ein Solarfeld rechnet sich schneller. „Eine leere Karte kannst du übergehen“, sagt sie. „Eine beschriebene zwingt zur Aussprache. Davor hatte ich Angst.“

Neben ihr steht in solchen Sitzungen ein leerer Stuhl mit einem schmalen Schild, und daneben sitzt ein Werkstudent, 24, mit einem Titel wie aus einem alten Theaterstück: Sprecher des leeren Stuhls. Seine Aufgabe ist es, für die zu reden, die erst noch geboren werden. Diesen Stuhl kennt man länger als das Amt in Halle. Das weltweit erste seiner Art schuf Wales 2015, die unabhängige Future Generations Commissioner, deren Gesetz sich ausdrücklich auf das Seventh Generation Principle der Haudenosaunee beruft, die Pflicht, jede Entscheidung an der siebten Generation zu messen. Sophie Howe füllte das Amt als erste Person überhaupt, später übernahm es Derek Walker. Walker wurde zugleich der ehrlichste Zeuge für die Grenzen der Idee, und zu ihm komme ich später noch.

In Halle genügt an diesem Dienstag, was der Werkstudent sagt, bevor er die Hand hebt. „Auf jeder dieser Karten steht eine Art zu bauen. Der Auwald da draußen rechnet in Jahrhunderten. In fünfzig Jahren sitzt hier jemand, der uns fragt, warum wir das letzte Stück Aue zugepflastert haben, weil ein Solarfeld sich schneller rechnete.“ Im Raum wird es still. Ich sehe Czerwinski an, wie ihr die eigene Auslassung um die Ohren fliegt. Sie hätte den Einwand abräumen, das leere Blatt pro forma stehen lassen und abstimmen lassen können. Stattdessen steht sie auf und tut, was im Amt die Drei-Meter-Praxis heißt, das laute Bestreiten der eigenen Liste. „Mein Fächer ist feige„, sagt sie in den Raum. „Ich habe die teuerste Zukunft weggelassen, weil ich Angst vor ihr hatte. Öffnen wir das Blatt wirklich.

In der alten Welt wäre das ein Offenbarungseid gewesen, die Beamtin gibt vor allen zu, gepfuscht zu haben. Hier nickt der Werkstudent, eine Kollegin schiebt ihr das Tablet rüber, und die Sache ist damit erledigt. Alle arbeiten weiter, als gehöre das Eingeständnis zur Tagesordnung. Es mache sie leichter statt kleiner, sagt Czerwinski mir in der Pause. „Das Schlimmste ist vorbei, sobald ich es ausgesprochen habe. Danach arbeiten alle am selben Problem.“

Was zwei alte Gegner auf das leere Blatt schreiben

Was nach diesem Absprung geschieht, dauert zwei Stunden, und die lauteste Gegenstimme gehört ausgerechnet Reinsch. Er vermisst das gegebene Wort, den festen Halt eines Lagers, und er sagt es bei jeder Gelegenheit. „Heute ist jeder ein bisschen für alles“, knurrt er und streckt die Beine aus. Czerwinski gibt ihm recht. „Wenn Lutz poltert, weiß ich, dass etwas dran ist. Er hält mich ehrlich.“ Reinsch ist der Mann, den diese neue Welt am meisten kostet, und gerade deshalb schaue ich an diesem Vormittag vor allem auf ihn.

Am Ende schreiben zwei Leute gemeinsam auf das offene Blatt, eine aus dem Umweltausschuss, einer aus der Wirtschaftsförderung, die zwanzig Jahre früher als Feinde auseinandergegangen wären. Ein Auwald-Korridor bleibt am Fluss und wird an die bestehende Aue angeschlossen, daneben entsteht kleinteiliges Handwerk auf Erbpacht, betrieben über eine Bodengenossenschaft. Ein Mittelweg, der erst im Raum entstand. Den Ausschlag gibt Reinsch, der eine Stunde vorher noch fürs Solarfeld gestritten hat. „Wenn ihr schon so einen Korridor macht“, knurrt er, „dann gehört der Boden den Leuten hier und keinem Fonds aus Frankfurt.“ Gelächter, und plötzlich steht es fest.

Reinsch hat die Seite gewechselt, mitten in der Sitzung, vor Zeugen, und alle lassen es ihm durchgehen. Er sitzt sogar ein bisschen aufrechter, weil seine Bedingung am Ende drinsteht. Ein Mann, der die alten klaren Fronten betrauert, gibt eine Position auf und wird dabei größer. Czerwinski klappt den Fächer halb zu und schaut auf das beschriebene Blatt, als wolle sie sich vergewissern, dass es wirklich da steht. „Solche Tage“, sagt sie leise, „halten mich bei der Stange.“

Der Mann, der den Fächer nie zumachte

Am Nachmittag lerne ich kennen, wie dieselbe Freiheit auch ins Leere laufen kann. Bodo Felgner sitzt drei Türen weiter, Ausschussmitglied, charmant, belesen, und er hat eine Gabe, die früher als Schwäche galt und heute als Tugend durchgeht: Er sieht zu jeder Sache sofort fünf Zukünfte. Legt jemand einen Antrag vor, fächert Felgner ihn auf, von der schnellen Schlagzeile über die wirtschaftlichen Ursachen bis hinunter zu den Wertbildern, die darunterliegen. Jede Schicht bekommt bei ihm ihre eigenen vier Zukünfte und ihr eigenes leeres Blatt. Felgner steigt immer tiefer und kommt selten wieder hoch.

„Bodo macht aus jeder Frage ein Seminar“, sagt eine Kollegin in der Teeküche, halb bewundernd, halb verzweifelt. „Du gehst mit einem Bauantrag rein und kommst mit vier Weltbildern und einem leeren Formular wieder raus.“ Felgner wahrt in jeder Debatte sein Gesicht, indem er sich in jeder offenhält. Jede Position bekommt von ihm ihr Recht, jede Gegenposition auch, und am Ende schwebt alles in einer warmen, gut belegten Unentschiedenheit. In der Sprache des Amtes heißt sein Typus der Flüssige. Reinsch hat seine Meinung geändert und etwas gewonnen. Felgner ändert sie sechsmal am Tag und landet jeden Abend dort, wo er morgens losgegangen ist.

Czerwinski erkennt in Felgner sich selbst am Morgen wieder, erzählt sie mir später. Der feige Fächer und der nie endende Fächer kommen aus derselben Angst, der vor dem Absprung. „Das Verfahren schützt dich vor dem Rechthaben“, sagt sie. „Das Entscheiden bleibt dein Job. Wer das verwechselt, fächert sich zu Tode.“ Sie sagt es ohne Häme. Felgner ist ein freundlicher, kluger Mann. Er verkörpert die Versuchung, die in vielen steckt, die gelernt haben, wie viele Zukünfte es gibt: den Möglichkeitsraum so zu lieben, dass man den Ausgang darüber vergisst.

Wer entscheidet, was überhaupt aufs Blatt darf

Am Mittwoch zeigt mir Czerwinski etwas, das ihr in der Nacht zuvor den Schlaf gekostet hat. Auf gleich sechs verschiedenen Fächern, von der Spielplatzsanierung bis zur Buslinie, steht auf dem offenen Blatt fast wortgleich derselbe Eintrag, eine Idee für eine private Mobilitätsplattform, hübsch als ungedachte Zukunft verkleidet. Jemand hat begriffen, dass die leere Karte die eine Stelle im Verfahren ist, die unter Schutz steht, und hat sein Geschäftsmodell hineingeschmuggelt. Das offene Blatt, gedacht als heiligste Leerstelle, ist zur Litfaßsäule geworden. „Genau hier wird die Emergenz angreifbar“, sagt Czerwinski. „Offenheit lässt sich leichter kapern als eine Mauer, denn sie steht jedem offen.“

Sie hat zwei Wege, und beide kosten. Streicht sie den Eintrag, wird sie zur Zensorin der einen Karte, die unzensiert bleiben soll. Lässt sie ihn stehen, sieht sie zu, wie die Leerstelle verkommt, an der das ganze Verfahren hängt. Am Ende führt sie eine Regel ein: Wer aufs offene Blatt schreibt, legt seinen Namen daneben. Anonyme Zukünfte bleiben möglich, wandern aber in einen gesonderten Eingang, den ein wechselndes Bürgergremium prüft. „Die Macht, eine Liste zu machen, ist nie unschuldig“, sagt sie. „Auch die Macht, eine Liste offen zu halten, hat ihren Preis. Irgendwer hütet die leere Karte, und diese Woche bin das ich.“

Hier sehe ich, wie zwielichtig ihr Beruf ist. Czerwinski öffnet den Raum, in dem andere wählen, und bestimmt zugleich, was überhaupt in diesen Raum hineindarf. Für die Antragsteller ist sie die Ermöglicherin, für die Übergangenen die Türsteherin, und beide Seiten haben recht. Die alte Macht, eine einzige Zukunft zu verkünden, ist verschwunden. An ihre Stelle ist die Macht getreten, die Auswahl zu rahmen, und die sitzt jetzt bei Czerwinski und hat einen Namen, der weniger schön klingt als Demokratie.

Wer keine Sprache für sein Blatt hat

Am Donnerstag sitze ich bei einer Beratung dabei, die mir lange nachgeht. Ein Mann, nennen wir ihn Herrn Adamczyk, Mitte sechzig, gelernter Schlosser, kämpft gegen den Verkauf einer Kleingartenanlage, an der sein halbes Leben hängt. Czerwinski klappt den Fächer auf, vier Zukünfte, eine leere Karte. „Schreiben Sie ruhig drauf, was Ihnen vorschwebt“, sagt sie freundlich. Adamczyk sitzt da, dreht den Stift und bleibt stumm. Was er fühlt, ist riesig. Das Verfahren verlangt von ihm, dieses Riesige in die Sprache durchgerechneter Szenarien zu übersetzen, und diese Sprache ist ihm fremd.

Felgner hätte das Blatt mit drei Zukünften gefüllt, bevor der Stift den Tisch berührt. Adamczyk fällt durch. Das Amt nennt diesen Fall die vom Blatt Gefallenen, und es trifft selten die, die ohnehin am Drücker sitzen. Das offene Blatt klingt nach radikaler Gleichheit, jede und jeder darf die ungedachte Zukunft denken. In Wahrheit belohnt es die, die in Workshops und Studiengängen gelernt haben, in Szenarien zu reden, und es überhört die, deren Zukunftsbild als Kloß im Hals stecken bleibt. Die Tür, die das Verfahren angeblich für alle aufmacht, hat eine unsichtbare Schwelle, und sie heißt Bildung.

Czerwinski kennt das Problem und hat dafür bisher eine unfertige Antwort. Sie holt für Leute wie Adamczyk eine zweite Stimme ins Verfahren, jemanden, der zuhört und das Gefühl in eine Karte übersetzt, ohne es glattzubügeln. „Ein Dolmetscher für Zukünfte“, sagt sie und zuckt die Schultern. „Das klingt nach noch mehr Bürokratie, ich weiß. Aber wenn nur die aufs Blatt schreiben, die die Sprache haben, dann habe ich die alte Ungleichheit bloß in ein höfliches Verfahren umgezogen.“ Adamczyk bekam am Ende seine Karte. Ob sie hält, bleibt an diesem Donnerstag offen.

Für wen kein Fächer reicht

Am späten Nachmittag bittet Czerwinski mich, eine Frau allein zu lassen, deren Geschichte ich hier nur andeute, weil sie ihren Namen für sich behalten wollte. Ich habe sie kurz im Wartebereich getroffen. Ihr Kind ist gestorben, vor anderthalb Jahren, bei einem Unfall, an dem sie sich beteiligt fühlt. Sie braucht eine Antwort auf eine einzige Frage. War es ihre Schuld, ja oder nein.

Auch ihr hat man bei der Beratung einen Fächer aufgeklappt, fünf Zukünfte für ein Leben danach. „Ich wollte ein Urteil“, erzählt sie mir, ganz ruhig. „Dass mir jemand sagt: Du bist schuldig, oder du bist frei. Ich brauche ein Gericht, und sie reichen mir einen Fächer.“ Eine Ordnung, die richtig und falsch in Alternativen auflöst, nimmt dieser Frau den einen festen Halt, an dem sie sich weiterziehen könnte. Dieselbe Erleichterung, die Reinsch aufrechter sitzen lässt, klingt für sie wie Hohn.

Dieser Preis steckt schon in den realen Anfängen, lange vor den Fächern. Hier komme ich auf Derek Walker zurück. Zum zehnjährigen Bestehen des walisischen Gesetzes räumte er ein, dass sein Amt zu schwach bleibt, um die Ungeborenen wirklich durchzusetzen, und forderte mehr Macht für künftige Generationen. Gefragt, wie er denn wisse, was die Ungeborenen wollen, antwortete er mit einem Lächeln, sie selbst blieben ja stumm, also beziehe er über das Beteiligungsprinzip so viele Lebende wie möglich ein. Wer heute eine warme Wohnung und einen Heimplatz braucht, hört im Üben ferner Zukünfte eine Vertröstung. Wer das Verfahren baut, hört eine Befähigung. Beide Seiten messen mit verschiedenem Maß, und beide haben recht. Der Möglichkeitsraum ist ein Geschenk an die, die zwischen Wegen wählen wollen. Für die Frau am Küchentisch, die einen einzigen festen Boden sucht, ist er eine Zumutung.

Vier volle Karten und eine leere

Am Freitag gegen sechs räume ich mit Czerwinski den Tisch ab. Auf der Brache an der Saaleaue bleibt nun ein Auwald-Korridor, daneben wächst Handwerk auf Erbpacht, ein Stück Boden gehört bald den Hallenser*innen selbst, und am Ende stand eine Zukunft, die am Montag noch auf keiner Karte lag. Von der heutigen Welt trennt diese Zukunft ein paar Gesetze, die es schon gibt, eine KI-Krise, die noch aussteht, und eine Wette: dass der erzwungene Plural Menschen handlungsfähiger macht. Die Gegenwette heißt Lähmung, ein Zustand, in dem jede Zukunft gleich gültig erscheint und am Ende jede Verbindlichkeit zerfällt. Felgner zeigt mir, dass die Lähmung möglich bleibt. Reinsch, der mitten in der Sitzung die Seite wechselte, zeigt das Gegenteil.

Wie die Wette ausgeht, wird sich zeigen. Die Bausteine aber liegen heute schon bereit, verstreut über die Welt. In Cardiff hält das walisische Amt die Behörden an, an Menschen zu denken, die in fünfzig Jahren leben, und ringt zugleich um mehr Durchschlagskraft. In Helsinki tagt ein Zukunftsausschuss seit über drei Jahrzehnten. Am Finland Futures Research Centre in Turku misst eine Skala das Zukunftsbewusstsein junger Menschen, in Bozen forscht an der Eurac ein UNESCO-Lehrstuhl für Anticipation and Transformation, an der Heidelberg School of Education lernen angehende Lehrkräfte, mehrere Zukünfte nebeneinander auszuhalten. Riel Millers Gedanke, dass sich der Umgang mit Zukunft üben lässt wie das Lesen, erreicht gerade erst die deutschen Lehrpläne.

Den Fächer mit der leeren Karte wird ein Amt erst noch erfinden müssen. Doch als ich Czerwinski am Freitagabend verlasse, legt sie schon den nächsten Stapel für Montag zurecht, vier volle Karten und eine leere. Was auf die leere kommt, bleibt bis Montag offen. Sie legt einen Stift daneben und wartet, dass jemand zu schreiben anfängt.

Belege der realen Anker

Real belegt sind die folgenden Anker. Marit Czerwinski, Lutz Reinsch, Bodo Felgner, Herr Adamczyk, der Bürgerdienst Halle, der Fächer mit der leeren Karte, der Werkstudent am leeren Stuhl und die KI-Prognoseflut sind die spekulative Verdichtung dieser Reportage, das White-Mirroring der belegten Gegenwart.

  1. Riel Miller, Futures Literacy, Using the Future, Antizipation und Emergenz, UNESCO Futures Literacy Labs. unesco.org/en/futures-literacy
  2. UNESCO-Lehrstuhl Anticipation and Transformation, Eurac Research, Bozen. eurac.edu
  3. Heidelberg School of Education, Future Literacies in der Lehrkräftebildung. hse-heidelberg.de
  4. Finland Futures Research Centre, Futures Consciousness Scale, Universität Turku. utu.fi/ffrc
  5. Well-being of Future Generations (Wales) Act 2015, in Kraft seit 2016. Wales ist das weltweit einzige Land mit einer Future Generations Commissioner. Sophie Howe ab 2016 als erste Person im Amt, Derek Walker seit dem 1. März 2023. Das Gesetz beruft sich auf das Seventh Generation Principle. futuregenerations.wales
  6. Committee for the Future, Eduskunta, Finnland, seit 1993. eduskunta.fi
  7. UN Pact for the Future und Declaration on Future Generations, 2024. un.org
  8. Seventh Generation Principle, Haudenosaunee-Tradition.

Blogadmin, kritischer Zukunftsforscher und Realutopist. Mehr über den Blogansatz unter dem Menüpunkt Philosophie.

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