Auf ein Wort #5: Generisches Wir

Wer ist dieses “Wir”, das angeblich in einem Boot sitzt? 
Wer ist Teil davon, was umfasst das Boot, wie ist es entstanden und wem gehört es? 
Wer steuert, wer darf mitbestimmen und wer bekommt wie Zugang dazu?  
Wer rudert, wer repariert Löcher und wer bestimmt, ob das Boot voll ist? 
Und vor allem: Was ist das eigentlich für ein bescheuertes Bild? Nach meinem Empfinden das wohl bekannteste für das “generische Wir”, um das es in diesem Text geht.

“Auf ein Wort” kann und darf eine Reihe von Texten werden, die sich verschiedenen Begriffen annähert. Einerseits Begriffe, die ich schön & wichtig finde, aber vergleichsweise unterrepräsentiert verwendet sehe. Andererseits solche, die sehr viel, mit sehr wenig Kontext, benutzt werden. #5 entstand auch wieder mit der wunderbaren Julia Wallner als Wort-Pingpong-Partnerin. 

Verantwortung und Dialog 

Bei meiner Recherche zum “generischen Wir” stieß ich überraschenderweise auf relativ wenig. Ich kann auch gar nicht mehr rekonstruieren, woher mir das Wort bekannt ist. Deswegen werde ich im Folgenden eine relativ breite, beispielhafte Begriffs-Definition entwickeln – angelehnt an ein passives, von sich weg schiebendes Verständnis eines “Wir” jenseits von Verantwortungsübernahme für die Gruppe und dialogische Aushandlungsprozesse, die bestimmen, was das “Wir” will. Ein solches “Wir” als Gegenteil des generischen wäre ein sich entwickelndes, in dem die Gruppenbeteiligten darüber sprechen, was ihnen als Mensch jeweils wichtig ist. Es ginge darum, sich immer wieder zu finden, Unterschiede als Bereicherung anzuerkennen und dabei einen gemeinsamen Kern zurückzugreifen, auf dem das “Wir” basiert. 

SCHLAAAAND? 

Haben wir so etwas in Deutschland? Was heißt es Deutsche/r zu sein? Beim Fussball tauchen plötzlich überall Flaggen auf, die ein “Wir als Nation” suggerieren. Viele Menschen entwickeln in dieser Zeit eine besondere Position der Zugehörigkeit. Nach dem Motto: Ich bin die Nationalmannschaft, weil ich in Deutschland lebe – und meine Vertreter sollen für mich Tore schießen. Dann sind wir – nicht nur – vor Stolz berauscht. Die letzte EM war nun nicht so erfolgreich und es folgen Aussagen wie “Die EM ist ja jetzt vorbei, wir sind raus.” Ich würde behaupten eine solche flüchtige Zugehörigkeit ist kein Problem für sich, genügt jedoch keinesfalls als tragende Säule eines Nationalstaats. 

Wobei: Ist nach der EM nicht vor Olympia? Wobei hier die toxische Männlichkeit in Form des Überlegenheitsgefühls hier weniger eine Rolle spielt? Ist das ein Grund, warum Menschen sich weniger mit den deutschen Vertreter*innen identifizieren? Anders gefragt: Kann in der Abstraktheit eines Nationalstaats per se nur durch ein Überlegenheitsgefühl gegenüber Anderen so etwas wie ein “Wir” suggeriert werden? Wir als Differenz.

Dazu später mehr. Gehen wir jetzt ins konkrete “Wir” des Alltags.

Wir als Team 

“Wir sollten” sagte die Führungskraft und sendet damit ein “Ich will von dir, dass du machst.” Oftmals wollen Menschen in Verantwortungspositionen Zuspruch, Anerkennung und Unterstützung zum Ausdruck bringen. Die Formulierung gerät dann übergriffig, wenn dem Gegenüber Dinge übergestülpt werden, die eigentlich in weiterführenden Gesprächen auszuverhandeln wären. Die anderen Teile des “Wir” werden nicht gefragt, ob sie es auch so sehen, aber bekommen es so präsentiert, als ob. Der Sender will bestenfalls Zuspruch und Gemeinschaft finden, weil er vermeintlich denkt, dass sie gleich genug denken. Schlimmstenfalls nutzt er das, um andere zu manipulieren – dazu andere reinzuziehen in eine Verantwortlichkeit, die eigentlich vor allem dem Sender des vermeintlichen “Wir” zugute kommt. 

Warum sprechen wir so selten darüber, wie Verantwortung verteilt wird und wer was machen will und kann? Erstmal müsste das Team klären, ob das Projekt gerade wichtig und dringend ist – und für wen. Dazu gehört auch die Fragen nach Interessen und Kapazitäten. Stattdessen werden solche Themen oft so diffus gespielt, dass der unkonkrete Austausch alle Beteiligten frustriert. Je nach Machtverteilung wird erwartet, dass ein “generisches Wir” zu Aktivitäten bei den ausführenden Personen führt. Das ist eindeutig gewaltsame Kommunikation. Nach der Schule der gewaltfreien Kommunikation sind Ich-Botschaften zu formulieren und die Botschaften der jeweils anderen zu achten. So können in der Aushandlung Kompromisse oder sogar Konsens gefunden werden, weil verstanden wird was die anderen wollen und brauchen. Das muss aber nicht immer der Fall sein. Doch diese grundsätzliche Bereitschaft scheint mir die zentrale Bedingung für partizipative Aushandlung zu sein. Sie erfordert oftmals Geduld, was in unserer beschleunigten Gesellschaft – ich empfehle immer wieder gerne die Texte und Vorträge von Hartmut Rosa dazu – niemals und für niemanden einfach ist.  

Wie sollen Menschen Projekte gut ausführen, wenn sie selbst nicht daran glauben, keine Lust darauf oder nicht ausreichend Zeit dafür haben? Wenn ich ein Thema im Kopf habe und es niemand übernehmen will, dann gilt es entweder, mich selbst darum zu kümmern oder es den anderen so zu verkaufen, dass es für sie wichtig wird. Vielleicht habe ich den möglichen Nutzen noch nicht richtig erklärt? 

Ein “Wir” hat gemeinsame Ziele

Die gemeinsamen Ziele sind ein gutes Beispiel für ein “Wir” im Entstehen. Sie sind nicht immer grundsätzlich in jeder Situation und immer wieder aufs Neue zu klären. Aber für die grundsätzliche Konstitution eines “Wir” ist das Ziel entscheidend. Das teilten mir auch mehrere Interviewpartner*innen in meinem Forschungsprojekt “Zukünfte der Gruppenarbeiten” mit. Hat die Gruppe die gemeinsamen Ziele geklärt und ein neuer Vorschlag ist prädestiniert dafür zu der Zielerfüllung beizutragen, sind die nächsten Schritte vor allem eine Frage zwischenmenschlicher Aushandlungsprozesse. Allerdings kann auch immer wieder festgestellt werden, dass die Gruppe ein nicht so starkes “Wir”-Gefühl entwickelt hat, wie Einzelne sich das vielleicht wünschen. 

Wir als Gesellschaft 

Ich möchte nun zurück kommen zu der Frage nach einem “Wir” in einem größeren Rahmen – jenseits der Dunbar-Zahl von ca. 150 Menschen, in denen sie sich noch wirklich menschlich austauschen können. Es geht mir um “die Gesellschaft” als das vielleicht größte “generische Wir”. 

Während früher die beiden Volksparteien versucht haben für die ganze Gesellschaft da zu sein, sind die Parteien heute ganz klar Interessenvertreter verschiedener Gruppen. Beispielsweise wird in der Linkspartei immer wieder wild diskutiert, ob eine neue Form der Gerechtigkeit nicht das Besondere einzelner Gruppen in den Mittelpunkt stellen sollte. “Identitätspolitik” schreien die Kritiker*innen, während die andere Seite sich nach einer Rückkehr zur Politik der SPD von vor 40-50 Jahren wünscht. Ich frage: Warum nicht beides? Der größte Erfolg der Linkspartei war es meiner Meinung nach, dem Mindestlohn den Weg zu ebnen, der einer Vielzahl von besonders Benachteiligten hilft. Dieser wurde übrigens gerade angehoben – eine gute Nachricht, die wir möglicherweise überlesen haben? 

Von liberaler Seite erfährt ein Partizipationstool inzwischen eine recht breite Öffentlichkeit: die Bürger*innenräte. Dabei geht es darum, mit Menschen in Kontakt zu treten, die in ganz anderen Realitäten leben. Jens des Supermarkts, in dem Menschen nur gestresst aneinander vorbei hetzen und die lange Schlange an der Kasse als Belastung – wenn nicht als persönliche Beleidigung – empfunden wird. Bei diesen Räten geht es vor allem auch darum, gehört zu werden und zu hören wie andere ticken, womit diese “anderen” sich beschäftigen. Bürger*innenräte führen, so erste Erkenntnisse, dazu, dass Probleme jenseits der eigenen Realität gefühlt werden. Das “man sollte mal” der Gesellschaft wandelt sich zu einem Aushandlungsprozess, in dem konkrete Menschen in kleinen Gruppen ihre Empfehlungen für die große und kleine Politik entwickeln und an die Entscheidungsträger*innen weitergeben. 

Vieles deutet darauf hin, dass die “Man”-Formulierung besonders gern dann verwendet wird, wenn es um etwas negatives geht, für das ICH schon kommunikativ keine Verantwortung übernehmen möchte. Angeblich machen es ja alle so. Ähnlich funktioniert es nach meiner Empfindung auch im Kontext der Verwendung des Wortes “Gesellschaft”: Dann werden primär passiv-aggressive Forderungen ausgesprochen. Die Gesellschaft soll etwas für mich tun! Dabei ist “die Gesellschaft” als wabernde Maße, davon bin ich fest überzeugt, gar nicht zur Handlung fähig! 

Die Singularisierung der Gesellschaft

Menschen zelebrieren ihre (Filter-)Blasen, die sich gegenseitig nicht verstehen können und auch nicht verstehen wollen. Der Soziologe Reckwitz bezeichnet das als Singularisierung. Mini-Gesellschaften suchen dabei geradezu nach sprachlichen, modischen oder ernährungstypischen Distinktionsmerkmalen – Abgrenzung und “Recht haben” wird dem Miteinander und voneinander lernen vorgezogen. 

Unser Weltverständnis ist naturgemäß hochgradig unterschiedlich und polarisiert. In einem Doppelinterview mit Reckwitz und dem Migrationsforscher El-Mafaalani in der Brandeins wird das Beispiel Berlin-Neukölln angeführt. “Für die einen sei dieser von unterschiedlichsten Milieus und Kulturen geprägte Stadtbezirk ein Sehnsuchtsort, was sich nicht zuletzt in den hohen Mieten widerspiegele. Für die anderen hingegen, die eine historisch gewachsene, Sicherheit versprechende Gleichheit als Bedingung für Heimat verstehen, ist der Bezirk eher ein Gräuel.“

Die Filterblasen entwickeln ihre eigene Kultur mit tendenziell zurückgehenden Schnittmengen zu anderen. Deswegen wird, wie ich denke, in den letzten Jahren auch so lautstark über das Thema der Kultur diskutiert. Nach Reckwitz findet sich Kultur im starken, wertorientierten Sinne dort, wo in der sozialen Praxis, jenseits von Nützlichkeit und Funktionalität Wert zugeschrieben wird (vgl. Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne, S. 79). Das heißt am konkreten Beispiel: Neuköllner Altbauwohnungen waren noch vor wenigen Jahrzehnten aus faktischen Nachteilen äußerst unbeliebt – sie sind unpraktisch, nicht gedämmt und ineffizient. Doch eine Kultur hat sie mit (emotionalem) Wert aufgeladen. Ähnliche Beispiele kenne ich auch aus persönlicher Erfahrung. Als Spätstarter kannte ich die Serie “Breaking Bad” zu Beginn meines ersten Jobs nicht und war direkt nicht am Gespräch beteiligt. 

Trend zur eigenen Kleingesellschaft

Zusammenfassend lässt sich ein Trend ableiten, in dem sich immer mehr Menschen mit einem “Wir” jenseits “der Gesellschaft” beschäftigen. Sie holen sich ihren Wert durch die Zugehörigkeit zu einem kleinen, besonderen “Wir.” Ich finde das nachvollziehbar, da das generische Wir der Gesellschaft zu einem problematischen Umgang mit Verantwortung und Aushandlungsprozessen neigt. Das geht in kleineren Gruppengrößen deutlich besser und einfacher – und vor allem menschlicher. Gleichzeitig besorgt mich der Trend zur eigenen Kleingesellschaft auch, wenn diese vergessen nach den jeweiligen, menschen-immanenten Gemeinsamkeiten zu suchen. 

Du bist doch mitgemeint! 

Wie konstruieren wir Gruppen und was braucht es, damit Menschen sich als aktiven, relevanten Teils des jeweiligen Wir wahrnehmen? Ein wichtiger Faktor dafür ist eine offene Sprache, die nicht darauf ausgelegt ist, andere auszuschließen. Exkludierende Sprache erschwert ein “Wir”. Wenn in einer Jobausschreibung “der Held der Problemlösung” gesucht wird, dann fühlen sich, wie neue Studien untermauern, Frauen weniger mitgemeint: 

Frauen fühlen sich von dem generischen Maskulinum einfach weniger angesprochen. Doch muss es wirklich nen Superman sein oder ginge auch eine Superwoman? Eine Frage, die bis vor kurzem wenig gestellt wurde. Doch Normalität ist dafür da, um in Frage gestellt zu werden. 

Viele Bubbles ruhen sich auf ihren alten Werten aus und lehnen die Forderung ab, nicht mehr nur mitgemeint, sondern auch mit angesprochen zu werden, kategorisch ab. Doch ohne ein Bewusstsein für das ungefragt mitmeinende wird das “generische Wir” zu einem  kolonialisierenden “Wir.” Kolonialisierung war schon immer das Übergriffige, das durch laute und leise Macht ausgeübt wird. So werden Lebensrealitäten ausgeschlossen und der dringend nötige, spielerische Wechsel zwischen Bubbles erschwert. 

Ist der Trend zur eigenen Kleingesellschaft möglicherweise ein Gegentrend zur Individualisierung? Ist darin Platz, um Individuen so zu nehmen, wie sie sind? Sind wir dafür schon bereit? 😉 

Ich zum Schluss

Wegen all dem beschäftige ich mich mit Verantwortungsübernahme jeweils für das Individuum selbst, andere Individuen und für die Gruppe(n). Dafür rücken dialogische Aushandlungsprozesse in den Mittelpunkt, die verschiedene Interessen, Bedürfnisse und Individuen als besonderes erfassen und gleichzeitig auch das Allgemeine suchen. Entsprechend identifiziere ich mich als liberale Ironikerin, die sich selbst gegenüber immer so ironisch bleibt, dass sie die Möglichkeit nicht ausschließt, dass andere Recht haben könnten. Mit dieser Verantwortung gehe ich in den Dialog und lerne nicht selten dazu. Ich wähle das Besondere – nämlich das besondere Leben, in dem ich nie auslernen möchte. Insbesondere über das was allen Menschen wichtig ist: Teil eines “Wir” sein, ohne sich selbst verleugnen zu müssen. 

Blogadmin, Zukunftsforscher und praktischer Tranfsformationsagent bei Kiezbett. Mehr über den Blogansatz unter dem Menüpunkt Philosophie.

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